Trainingsmethoden in der Kritik
In Deutschland gibt es rund 90.000 Turnierreiter. Die meisten fahren zum Turnier, um ihren Lieblingssport auch unter Wettkampfbedingungen auszuüben und eine Rückmeldung über ihren aktuellen Leistungsstand zu erhalten. Der olympische Gedanke „dabei sein ist alles“ ist für viele aber nicht der einzige Grund, an den Start zu gehen. Sie wollen mehr! Erreichte Erfolge und Platzierungen signalisieren nicht nur, dass das Paar auf dem richtigen Weg in der Ausbildung ist, sondern motivieren weiterzumachen. Allerdings gibt es auch einige Reiter, die den Erfolg um jeden Preis möchten und versuchen, diesen mit ihrem Pferd zu erzwingen. Dabei greifen sie teilweise auf Trainingsmethoden zurück, die alles andere als zum Wohle des Pferdes sind.
Aktuell dreht sich die Diskussion um das „Einrollen (Hyperflexion)“ des Pferdes. Heben sich Hyperflexion und sehr tief eingestellte Pferde (Low-Deep-Round) wirklich voneinander ab oder wird hier nur der eine durch den anderen Begriff ausgetauscht? Eine Expertenrunde des Weltreiterverbandes FEI sagte jetzt: „Ja, es gibt einen Unterschied“ und sprach sich gegen jegliche Kopf- und Halsposition eines Pferdes aus, die durch Krafteinwirkung erzwungen wird. Darunter fällt die Hyperflexion genauso wie jede Art aggressiven Reitens. Die deutsche FN hatte schon zuvor gesagt, dass eine Reittechnik wie die Hyperflexion eindeutig inakzeptabel sei. Sie ist gekennzeichnet durch eine extrem tiefe Kopf-Hals-Einstellung und eine Zügeleinwirkung des Reiters, die das Pferd mit dem Maul deutlich in Richtung Brust/Buggelenk zwingt.
Nach der Theorie kommt die Praxis: Ab sofort gilt es, die gewonnenen Erkenntnisse auch bei den zahlreichen Turnieren zu leben. International sind sogenannte Stewards mit der erforderlichen Sanktionsbefugnis ausgestattet und sollen im Ernstfall einschreiten. In Deutschland sind die Richter angehalten, konsequent gegen regelwidriges und tierschutzrelevantes Fehlverhalten durchzugreifen. Gelbe und rote Karten wie im Fußball bekommen die „Bösewichte“ bereits in dieser Saison vom Aufsichtsführenden gezeigt. Im Ernstfall bedeutet das den Ausschluss von der Prüfung bereits vor dem Einritt.
Die aktuelle Diskussion um Hyperflexion und aggressives Reiten nutzte FN-aktuell, um mit Thies Kaspareit, Leiter der Deutschen Akademie des Pferdes, generell über das Thema strittige Trainingsmethoden zu sprechen.
FN-aktuell:
Hyperflexion ist eine Trainingsmethode, die in der Kritik steht. Worum dreht sich bei diesem speziellen Thema eigentlich die Diskussion?
Thies Kaspareit:
Zu allen Zeiten hat es Ausbilder und Reiter gegeben, die ihre Pferde tief eingestellt haben, das ist nicht neu. Das ganze Thema wird sehr an der Kopf-Hals-Einstellung festgemacht. Eigentlich geht es vielmehr darum, dem Wohlbefinden des Pferdes gerecht zu werden. Hyperflexion ist das Gegenteil von Wohlbefinden, es bedeutet Unterjochung des Pferdes sowie Zwang und dagegen hat sich die FEI aus guten Gründen ausgesprochen. Sie hat bewusst von aggressivem Reiten gesprochen und dass dies nicht akzeptabel sei.
FN-aktuell:
Nachdem jetzt erstmalig gesagt worden ist, was man in der Prüfung und in der Vorbereitung nicht mehr sehen möchte, muss es nun in die Praxis umgesetzt werden. Hier sind bei deutschen Turnieren natürlich vor allem die Richter gefragt. Wie wird die Umsetzung angegangen?
Thies Kaspareit:
Wir praktizieren das schon seit Jahren, dass unreiterliches Verhalten erkannt, abgestellt und gegebenenfalls bestraft wird. Allerdings ist uns das noch nicht flächendeckend gelungen und deshalb müssen wir nachrüsten. Unsere Richter müssen die Kompetenz haben, die Gesamtsituation auf dem Vorbereitungsplatz und in der Prüfung zu erkennen und von einer Momentaufnahme unterscheiden zu können. Damit das gelingt, ist die permanente Fortbildung unserer Turniersachverständigen von großer Bedeutung. Gerade erst hat die Deutsche Richtervereinigung zu diesem Thema ein Fortbildungsseminar in Warendorf veranstaltet.
FN-aktuell:
Neben der Hyperflexion sind auch andere unschöne Bilder auf den Turnierplätzen zu sehen. Reiter setzen ihre Sporen nicht korrekt ein und verletzen ihre Pferde. Die Gerte wird oftmals massiv eingesetzt. Wie geht der Verband damit um?
Thies Kaspareit:
Die genannten Beispiele fallen eindeutig unter aggressives Reiten und hier hat der Aufsichtsführende einzuschreiten. Es geht in allen Trainingssituationen um das richtige Maß, also darum, ob ich das Pferd damit unterstütze oder es übertrieben strafe, vielleicht sogar tierschutzrelevant gefährde. Das ist auch der Grund, warum die Vorgaben in den Regelwerken allgemeiner gehalten sind. Es muss immer von Fall zu Fall unterschieden und die Gesamtsituation beurteilt werden.
FN-aktuell:
Das Problem „unreiterlichen Verhaltens“ ist vom Verband erkannt, allerdings hat er es noch nicht flächendeckend im Griff. Seit kurzer Zeit befasst sich sogar ein eigener Arbeitskreis mit strittigen Trainingsmethoden. Was hat dieser Arbeitskreis für eine Aufgabenstellung und Zielsetzung?
Thies Kaspareit:
Zunächst einmal stellt sich diese Expertengruppe der Frage: Was gibt es eigentlich für strittige Trainingsmethoden und wie sind diese einzuschätzen? Anfang der 90er Jahre wurde dies in der Barr-Affäre intensiv diskutiert. Es ging darum eine akzeptable Trainingsmethode zu definieren und von nicht akzeptablen abzugrenzen. Als Ergebnis wurde festgehalten, dass das Touchieren von Springpferden bei richtiger Anwendung und unter bestimmten Voraussetzungen – reiterliche Mängel und Überforderung des Pferdes können ausgeschlossen werden, Ausbilder hat die notwendige Erfahrung und Sensibilität – eine anerkannte Trainingsmaßnahme ist, genau wie die Arbeit an der Hand. Das Touchieren ist also kein Begriffsersatz für das Wort „Barren“. Es ist die einzige präzise definierte Methode, um nach Ausschöpfung aller Ausbildungs- und Trainingsmöglichkeiten der Nachlässigkeit von Pferden beim Springen entgegenzuwirken. Und diese Diskussion müssen wir auch mit anderen Trainingsmethoden führen.
FN-aktuell:
Es gibt Betrachter des Reitsports, die der Entwicklung des Turniersports mehr als skeptisch gegenüberstehen. Sie kritisieren, dass Pferde immer spektakulärere Gänge haben und technisch immer anspruchsvoller springen müssen. Wäre die Reduzierung der Anforderungen nicht auch ein richtiger Weg, um zweifelhaften Trainingsmethoden entgegenzuwirken?
Thies Kaspareit:
Sicher müssen wir immer wieder prüfen, ob wir der Natur des Pferdes noch gerecht werden. Allerdings sollte man auch die ganze Entwicklung des Sports berücksichtigen. Zum einen hat sich die Pferdezucht enorm entwickelt, so dass es für Pferde kein Problem ist, diese Leistung mit einer korrekten, artgerechten Ausbildung zu erbringen. Zum anderen sind Pferde Leistungssportler und der Trainingsprozess ist notwendig und manchmal durchaus anstrengend. Und deshalb spielt gerade im Leistungssport die Verantwortung des Reiters für das Pferd eine besonders wichtige Rolle. Das ist übrigens nicht anders als im Humansport. Der Erfolg eines Sportlers ist nicht nur von seinem Talent, Trainingsfleiß oder seiner mentalen Stärke abhängig. Es geht auch um die Effektivität des Trainings, die durch das Weiterentwickeln und Verfeinern von Trainingsmethoden gesteigert wird. Dadurch versucht man sich Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen und das ist durchaus legitim. Allerdings gibt es dabei Grenzen und diese sind in unserem Sport überschritten, wenn das Wohl des Pferdes gefährdet ist.
Das Interview führte Dr. Dennis Peiler.
FN-News, Warendorf (fn-press).Fotos: RK
Fotos: Rika Schneider
Die Ausbildung von Pferden ist vielschichtig - pferdegerecht sollte sie aber immer sein!