Buck Brannaman: Pferde mittig reiten
Der Tierarzt kommt, die Nachricht über die Zukunft des Vierbeiners ist erschütternd. Wie diese aber letztendlich aussieht, hängt individuell vom Besitzer ab: Während der eine verkauft oder gar den Schlachter ruft, kämpft der andere unermüdlich gegen die Krankheit, trotzt der Natur, um dem geliebten Vierbeiner den Himmel auf Erden zu bereiten. Rika Schneider beschreibt eine Geschichte, in der Träume wahr werden.

Das Pferd im Rechteck
Bei jedem Pferd, das ich reite - ganz gleich ob es sich dabei um ein Jungpferd oder ein erfahrenes Pferd handelt - möchte ich, dass es sich unter mir zentriert bewegt. Beim Reiten zeichne ich ein imaginäres Rechteck um mein Pferd: Eine Linie verläuft vor der Pferdenase, eine auf der jeweiligen seitlichen Körperseite und eine weitere hinter dem Pferdeschweif.
Bei einem Jungpferd können die Seiten dieses Rechteckes bis zu sieben Meter vom eigentlichen Pferdekörper entfernt liegen, während sie bei einem erfahrenen Bridlehorse direkt bis an die Nüstern, Schweifhaare und Steigbügel heranreichen können. Mein Ziel beim Reiten ist es, das Pferd genau in der Mitte dieses Rechteckes zu positionieren.

Alle vier Beine meines Pferdes, präzise setzen zu können, es durch ein sanftes Aufnehmen der Zügel (soft feel), bei mir zu halten und es meinen Schenkeln, weichen zu lassen - all diese grundlegenden Dinge machen es mir möglich, beim Lehnen gegen eine Seite, das Pferd wieder in die Mitte des Rechtecks zu bringen.

Zentrieren eines Jungpferdes
Ein junges Pferd wird nur für einige Momente in der Mitte bleiben können. Auch wenn ich viel daran arbeite, den Jungspund auf eine Linie zu bekommen, lasse ich das Wichtigste nicht aus den Augen: Sobald das Pferd die richtige Position findet, bin ich so ruhig und friedfertig wie ich nur sein kann. Zu Beginn wird dem Pferd das nicht allzuviel bedeuten. Doch schon bald wird es merken, dass sich ein ruhiger Reiter sehr gut anfühlt und es wird nach der Mitte des
Rechteckes suchen.
Dein Pferd möchte mit Dir auf dem Rücken wirklich gut auskommen. Doch wenn Du ihm niemals zeigst, wo es sein soll, wirst Du quer durch die Gegend hüpfen. Es wird dann niemals lernen, sich zwischen Deinen Beinen und Zügeln zu bewegen.
Während ich letzte Woche auf einem Jungpferd einige Rinder einfing, wusste ich immer, wo sich mein Pferd innerhalb des Rechtecks bewegt - auch als ich im Galopp einem Rind folgte. Drückt das Pferd gegen meine Hand, nähert es sich der vorderen Rechteck-Linie. Dann musss ich es vielleicht langsam zurück nehmen. Drückt es nach hinten und nähert sich dieser Linie muss ich es nach vorne bringen und weicht es nach rechts oder links aus, bringe ich es mit meinen Schenkeln wieder zurück zur Mitte. Bewegt es sich diagonal in eine Ecke oder schwenkt seine Vor- oder Hinterhand aus, kann ich das Pferd mit Hilfe meiner Zügel und Schenkel
wieder gerade in die Mitte bringen.

Sobal mein Pferd diese Position gefunden hat, gebe ich nach. Es kann sich dort vielleicht noch nicht lange halten, so dass ich ihm wieder helfen muss, die Stelle zu finden. Ich versuche dies aber so zu gestalten, dass ich nicht auf ihm herumhacke. Ich mache mir nur bewusst wo er ist und dirigiere ihn dahin, wo er hin soll. Dein Rechteck geht immer mit Dir mit und aus diesem Grund ist es ganz gleich, ob Du in einer Volte oder auf einem Zirkel gehst - eine Mitte ist immer vorhanden.

Wenn Deine Koordinationsfähigkeit, nicht ausgereift ist und Du erst bemerkst, dass Dein Pferd über die imaginäre Linie hinausgelaufen ist, wenn es auf der anderen Reitplatzseite angekommen ist, dann ist es zu spät. Du hast die Möglichkeit verpasst.
Die Vorstellung davon, wo die Mitte deines Pferdes ist, muss Dir beim Reiten die ganze Zeit bewusst sein. Nehme seinen ganzen Körper wahr. Das ist es, woran ich beim Reiten denke und ich denke niemals nicht daran.
Gehe behutsam daran, Dein Pferd wieder zur Mitte zurück zu bringen. Korrigierst Du zuviel oder gibst Du nicht früh genug nach, kann es passieren, dass Du direkt über die Mitte hinaus über die Linie der anderen Seite schießt. Da zusammen mit Deinen Hilfen immer ein gewisser Anteil an Abweichung kommt, muss Du Deine korrigierende Hilfe schon wegnehemen, bevor Dein Pferd die Mitte erreicht hat, damit es genau am richtigen Platz ankommt. Übertreibst Du all Deine korrigierenden Hilfen, wird Dein Pferd von all den imaginären Linien abprallen. Das Ergebnis ist dann ein sehr verwirrtes und verunsichtes Pferd.

Infos: Rancho Deluxe Design, P.O. Box 1782
Santa Ynez, CA 93460

Unterdrückung durch den Reiter
Auf meinen Pferde gebe ich kontinuierlich Hilfen und gebe diese wieder nach. Pferde kann man nicht in der Mitte halten. Seit über 20 Jahren gebe ich Kurse, so dass meine Beobachtungen auf Fakten basieren; die am wenigsten zentrierten Pferde, die mir in all den Jahren begegnet sind waren Dressurpferde (denken Sie jetzt nicht eine Minute daran, das ich Dressur schlecht reden will, denn wenn es von einem guten Reiter korrekt geritten wird ist es wunderschön - besser kann's nicht werden). Aber ich rede von dem Reiter, der seinem Pferd nicht die Möglichkeit gibt, die Mitte zu finden, geschweige denn ihm die Wahl lässt dort zu sein. Ich rede von dem, der sein Pferd zu sehr eingrenzt und versucht, es am rechten Platz zu halten. Seine Pferde gehen direkt über die vordere Linie hinweg. Und unterdrückt der Reiter sein Pferd geht es auch durch die hintere Linie und wird stumpf gegenüber Schenkelhilfen. Dies kann mit jedem Pferd, jeder Disziplin passieren, wenn der Reiter ein unterdrückendes Verhalten an den Tag legt.
Wenn Reiter Probleme haben, dann geben sie dem Pferd meist nicht genug Raum die Mitte zu finden. Mit ihrer unterdrückenden Reitweise zwingen sie das Pferd, dass zu tun, was sie wollen. Sie denken sie können das Pferd in die Mitte zwingen und dort halten. Aber das Pferd muss die Mitte suchen und finden, man kann es nicht dort hin zwingen. Ganz gleich welche Reitweise - diese Dinge sind überall identisch. Das Pferd, organisiert zu bekommen, auf den Punkt genau zu reiten ist bei allen Disziplinen gleich.

Manchmal fragen mich Pferdebesitzer, was ich mit ihrem Pferd machen würde, wenn es meins wäre. Ich sage ihnen, ich würde ihr Pferd reiten, so wie ich meine Pferde reite, bis es aussieht wie eines meiner Pferde. Ich mache da nichts anderes. Wenn Du ein älteres Pferd hast, dem einige Kindergarten-Sachen fehlen - geh zurück und hole sie nach. Alter spielt keine Rolle. Das Pferd braucht vielleicht ein bisschen länger, da es einige alte Geschichten verarbeiten muss, aber es wird sich sehr viel schneller ändern, als manche Menschen es tun könnten.
Hast Du einmal gute Horsemanship gesehen und gelernt, was man tun kann, um dem Pferd zu helfen ruhiger und verlässlicher zu werden, warum solltest Du die Dingen dann nicht tun? Ganz gleich wie alt Dein Pferd ist, biete ihm das Dir best Mögliche an. Wenn Du Dich anpassen kannst, kann es Dein Pferd auch. Pferde können sich enorm ändern. Es gibt immer Hoffnung.
Text und Fotos © Emily Kitching