Canadian Horsemanship Richtlinien fürs Westernreiten: auf Kanadisch & Deutsch

Ob das Reiten mit Händen in Kniehöhe oder das Flexionieren des Pferdehalses ein persönlicher Stil ist oder eine anerkannte Methode, ist für deutsche Westernreiter unklar. Keine einheitlichen Richtlinien geben die Ausbildungsschritte im Westernreiten vor. Während die Meinungen über das Einführen eines deutschen Regelwerks auseinander gehen, arbeiten die Kanadier schon seit Jahren nach den Richtlinien der landeseigenen Reiterlichen Vereinigung. Wie diese aussehen, erläutert die in Kanada lizenzierte und in Deutschland sesshafte Ausbilderin Brigitte Tönsfeuerborn.

Vielen Westernreiter ist die Vorstellung einer einheitlichen Westernreitlehre ein Gräuel. Andere bemühen sich seit Jahren, "Form" in diese Reitweise zu bringen, wie es die englischen Reiterfreunde unter dem Dach der deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) mit den Richtlinien für Reiten und Fahren seit Jahren vorleben. Was sich für den deutschen Westernreiter, der hierzulande zwischen verschiedenen Ausbildungsmethoden innerhalb seiner Reitweise wählen kann, ungewohnt anhört, hat sich in Kanada in der Praxis bewährt.


"Ein gut durchdachtes Programm, durch das lizenzierte Trainer Einsteiger, aber auch Turnierreiter der unterschiedlichsten Sparten unterrichten können: Ob Pleasure, Reining, Freizeit oder Zucht - in den Richtlinien steht geschrieben, wie ein Pferd geführt, gesattelt, gefüttert, longiert oder geritten werden sollte", erklärt die in Kanada geprüfte Ausbilderin Tönsfeuerborn. Was als ohnehin schon Pferdenärrin mit einem Kanadaurlaub begann, endete mit einem Ausritt der besonderen Art, der ihr deutlich machte, wie wichtig die Ausbildung des Westernpferdes ist: "Wir begegneten einem Schwarzbär. Er kam sehr nah an uns heran und unsere Pferde blieben absolut ruhig - dies zeigte mir, wie wichtig der Charakter der Pferde, aber auch deren Ausbildung ist", erzählt die Ausbilderin. "Ich erfuhr in Kanada dann aus erster Hand, wie hilfreich es ist, wenn offizielle Stellen einem sagen können, wo und wie eine Weiterbildung im Westernreiten möglich ist, und dabei für ein gewisses fachliches Know-How der Trainer durch festgelegte Strukturen garantieren. Überall kann man in Kanada Ausbilder finden, die nach den Richtlinien arbeiten - man weiß, was man kriegt und weiß auch, dass diese nach Ausbildungsgrad bezeichneten Lehrer, geprüft wurden".

In Deutschland hingegen ist jeder ein Trainer, der dies auf sein Hoftor schreibt. Während der fortgeschrittene Reiter bei der Suche nach einem Ausbilder sofort erkennt, ob es sich dabei um einen fachlich kompetenten Reiter handelt oder nicht, ist der Laie aber häufig der Scharlatanerie ausgeliefert. Der Weg zum besseren Reiter wird da oft erst zu einer Odysee durch viele Reitschulen oder Ausbilder. Der Freizeitreiter, für den Fachtrainer, zum Beispiel reine Reiner oder Cutter, nicht in Frage kommen, macht seinen Weg also oft alleine, als Autodidakt. "In Kanada bietet Equine Canada eine Plattform, auf der sich interessierte Schüler und Trainer informieren und austauschen können", beschreibt die in Nordrhein-Westfalen lebende Reiterin. Tönsfeuerborn, die seit 1995 jedes Jahr Zeit in British Columbia verbringt und die Vorteile so eines Konzeptes erkannt hat, ist immer noch begeistert über die Vielfalt der Möglichkeiten: "Wie in jeder Branche, ist das Erlernte immer nur so gut, wie der Mensch dahinter. Pferd- und Reiterausbildung ist ein Handwerk und kann geprüft werden. Den feinen Unterschied in der Ausführung macht dann letztendlich die Persönlichkeit des Trainers. Gefühl für Mensch und Pferd kann man nicht kaufen und so bleibt die Vielfalt individueller Trainer erhalten - doch haben alle Ausbilder einen Grundstock an Wissen und Können, dass sie an Schüler weitergeben können."

Das Regelwerk der Kanadier
Von A bis Z: In diesem kanadischen Regelbuch wird nicht nur das Reiten in logisch aufgebauten Schritten beschrieben, sondern all das was wichtig ist für die Ausbildung eines guten Westernpferdes. Dazu gehört das Halftern, Satteln, Putzen genauso wie die Fütterung, Gesundheit oder detaillierte Hilfengebung im Sattel. Ein Ausbilder, der sich diesem Programm anschließt und ein danach lizenzierter Trainer ist, hat diese Grundsätze auch einzuhalten. Einmal im Jahr gibt es für die Lehrer ein Coach-Update, indem sie sich bewähren und dazu lernen können. Ihre Fähigkeiten werden also regelmäßig von Equine Canada überprüft. Es gibt in Kanada vier Reitabzeichen, die die Grundvoraussetzung für eine Coach-Prüfung bilden. Aufbauend auf diese vier Reitabzeichen, kann man noch weitere Abzeichen in den einzelnen Disziplinen machen. Wenn man dann Ausbilder ist, kann man die ersten vier Reitabzeichen bei seinen Reitschülern abnehmen.
Großer Vorteil für die Mitglieder ist ein flächendeckendes Informationsangebot rund um das Westernreiten. ‚Sie suchen einen Pleasure-, Reining- oder Freizeitausbilder in ihrer Region, der nach einem gewissen Standard ausbildet?' Für die Kanadier bedeutet dies nur, einen Blick auf die öffentlichen Listen zu werfen. Mitbegründer der kanadischen Richtlinien war übrigens Reiningprofi Vern Sapergia, der heute in Österreich zusammen mit Sylvia Rzepka einen der renommiertesten Trainingsställe unterhält.

Westernreitlehre für Deutschland geplant
Neben dem schon existierenden Trainerausbildungsprogramm der EWU (Erste Westernreiter Union Deutschland), in dem in Trainer A, B und C unterschieden wird, wird es eine "Westernreitlehre" geben. Gut nachvollziehbar soll sie eine Richtlinie darstellen, die den roten Faden der Reiterei im Westernsattel vorgibt, Spielraum für Individualität soll aber gegeben sein. "Diese Westernreitlehre ist konkret in der ‚Mache'. Wann sie jedoch veröffentlicht wird können wir noch nicht sagen", erläutert Jörg Brückner, PR-Manager des Verbandes. Als Anschlussverband der FN und größter Westernreitverband in Deutschland und Europa soll zukünftig auch noch mehr Fokus auf die Trainerausbildung gelegt werden: "Professionelle Ausbilder sollen die Möglichkeit bekommen, eine Prüfung zum Pferdewirtschaftsmeister im Westernreiten abzulegen", formuliert Brückner, der eine Förderung der Profiausbilder als genauso wichtig empfindet, wie die der Freizeit- oder Turnierreiter. Dass die Individualität einzelner Ausbilder bei der ‚Vereinheitlichung' in eine Lehre verloren gehen könnte, glaubt Profireiter Grischa Ludwig nicht: "Zu einem guten Trainer gehört mehr, als eine Lizenz, unabhängig davon, dass ein Ausbildungsprogramm für Trainer vielleicht sehr förderlich sein kann. Insofern glaube ich, dass gute Ausbilder, gerade wenn sie ihre Individualität behalten, weiter erfolgreich sein werden. Schwarze Schafe und herausragende Fachleute wird es immer geben, ganz gleich, ob es Richtlinien gibt oder nicht."

Ob man die offizielle Westernreitlehre in Deutschland nun gut heißt oder ihr Kritisch entgegen schaut - in Kanada sind die Richtlinien für die Allgemeinheit. Individualisten sind aber mit ihren Arbeitsweisen im gleichen Land äußerst erfolgreich. Das Eine muss das Andere nicht unbedingt ausschließen.

 


Jungpferdeausbildung findet an der Hand, frei im Round Pen
und unterm Sattel statt.


Mit ihrem Paint Horse-Wallach Justin zeigt die Canadian Horsemanship-Ausbilderin, wie zuverlässig und leicht ein fundiert ausgebildetes Pferd laufen kann.



Brigitte Tönsfeuerborn I Marpestr. 59 32825 Blomberg Kleinenmarpe I Tel. 05236/889901
Mobil 0170/4428841 I Fax 0721/151432538
info@canadian-horsemanship.de www.toensfeuerborn.de


Rückwärtsrichten durch die Pylonen: Diese, für Schüler meist schwierige Aufgabe, gehört mit ins kanadische Ausbildungsprogramm.


In Kleinenmarpe genießen Brigitte Tönsfeuerborn und
Justin die Sommerluft.

A
Sitzen will gelernt sein: Und dazu gehört auch, die Funktionen der eigenen Körperteile im Sattel verstehen und fühlen zu können.