Die üblichen
acht bis zehn Longenstunden im Monat oder die eine Reitstunde in der
Woche verursachen eher regelmäßigen Muskelkater, als ein
Gefühl fürs Pferd. Selbständig reiten kann der Schüler
dann oft erst nach einigen Monaten. Anders im Elf-Tage-Einsteigerkurs
des Rekener Reitzentrums. Die Schüler kommen mit null Know-How
und verlassen den Kurs als richtige Reiter. Schon am zweiten Tag gehen
sie routiniert mit den Tieren um: Selbstständig holen Sie die Tiere
vom Paddock, führen sie zum Putzbalken, binden sie mit einem Sicherheitsknoten
an und bürsten sie. Am 10. Tag traben und galoppieren die Schüler
schon durchs Gelände, wobei Sicherheit für Pferd und Reiter,
das Bewußtsein über den eigenen Körper und die aufmerksame
Beobachtung des Pferdes immer an erster Stelle steht. Jochen Schumacher,
Leiter des FS-Reitzentrums Reken, und Lebenspartnerin Anna Eschner halten
die Kurse abwechselnd und vermitteln mit der richtigen Mischung aus
Fachwissen, Witz und Charme eine fundierte Reitbasis für Anfänger.
Reiten ohne Sattel, Tag 1: Neun Reit-Interessierte, die ihren
Morgen sonst im Büro oder Geschäft verbringen stehen vor Jochen
Schumacher. Unter ihren Füßen ist Gras und in ihrer Nase
der Duft der großen weiten Pferdewelt. „Wieso möchten
Sie reiten lernen?“, fragt der Kursleiter. Fritz Fuchs, 52 Jahre
alt weiß es genau: „Ich bin auf der Suche nach einem Hobby,
das ich während meiner Pension ausüben kann. Da ich Pferde
toll finde, möchte ich es einmal versuchen“. Die Nordholmerin
Marion Grawaritz dagegen hat schon schlechte Erfahrungen gemacht und
hofft, in diesen elf Tagen die gesammelten Ängste wieder los zu
werden. Los geht’s mit den ersten Themen der Theoriestunde: Anna
Eschner erklärt locker und fachgerecht das Herdenverhalten der
Pferde und deren richtige Haltung. Doch hier wird nicht nur die Schulbank
gedrückt: Im Paddock setzten die Schüler ihr frisch erlerntes
Wissen in die Tat um. „Ich habe schon einige Reitstunden genommen
und noch nie hat mir jemand gezeigt, wie ich mich einem Pferd nähere
und warum ich ein Pferd so oder so aufhalftere“, stellt Akila
Mokhbi aus Lörrach fest. „Schon am ersten Tag werden die
Teilnehmer im Schritt geführt. Sie sollen ein Gefühl für
die Bewegung des Pferdes bekommen. Wenn sie es sich zutrauen, können
sie dabei die Augen schließen“, so Anna Eschner.
Die ersten Paraden Tag 2: Die Pferde mümmeln noch
gemütlich an ihrem Morgenheu, während auf der Wiese neben
ihnen eine Gruppe Erwachsene hüpft, stretcht und lacht: das morgendliche
Fitness-Programm, das nicht nur die Muskeln, sondern auch das Koordinations-
und Körpergefühl der Teilnehmer stärkt. „Erstaunlich“,
wundert sich 32-jährige Akila, „dass es mir so viel Spaß
macht und auch keiner der Gruppe diesen sportlichen Auftakt missen möchte“.
Sportlich ist auch der Rest des Tages. Auf einem großen Sitzbalken
wird Balance und Sitz geschult, bevor es auf „Heine“, das
Holzpferd, geht. An ihm praktiziert die Gruppe das korrekte Aufsatteln
und Aufsteigen. Auf der Ovalbahn, einer etwa drei Meter breiten, ovalförmigen
Sandbahn, reiten die Teilnehmer dann auf echten Pferden. Durch eine
leichte Parade halten sie die Pferde an und reiten sie mit Schenkeldruck
wieder an. „Die Reiter sollen jetzt schon das wechselseitige Treiben
lernen. Der Sitz wird immer wieder von uns korrigiert, da der Reiter
sich nicht mit der Wade oder den Händen festhalten darf. Geritten
wird die ersten Tage nur mit Halfter und Zügeln aus Stricken“,
so Schumacher, der großen Wert darauf legt, die Schulpferde nicht
ungerecht zu behandeln. Der Nachmittag endet mit Sattelkunde.
Mit Halfter im Galopp, Tag 3: Routiniert holen sich
die Teilnehmer die Pferde vom Paddock, satteln und halftern sie auf
und führen sie in die Ovalbahn. „Aussitzen und Leichttraben
ist noch zu schwer für die Anfänger, deshalb kommt bei uns
der Galopp vor dem Trab. Immer wieder wird das Anreiten und Anhalten
im Schritt geübt. Damit sich die Reiter dann im Trab nicht mit
den Waden am Pferd festklammern und einen stabilen Sitz bekommen, bringen
wir ihnen zuerst das Trabfedern bei“, erklärt Anna. „Dies
ist ein Entlastungssitz, bei dem sich der Reiter mit den Knien festhält
und seinen Oberkörper vorbeugt“, so Fritz aus Freiburg nach
seiner ersten Trab-Erfahrung. „Die Balance zu halten ist enorm
schwer. Ich darf zusätzlich mit einem Halsriemen reiten, an dem
ich mich zwischendurch festhalten kann, denn um mich auszubalancieren,
darf ich nicht in die Zügel greifen.“
Im Slalom um die Tonnen, Tag 4: Die Pferdefütterung
steht heute auf dem Stundenplan. Danach geht es wieder in die Ovalbahn.
Mit Schulpferd Tinker galoppiert Akila schon eine halbe Bahn. Marion
Grawaritz aus Nordholm reitet im Slalom mit einem Wasserbecher in der
Hand um Verkehrshüte herum, um das Reiterspiel zu gewinnen. „Es
macht riesigen Spaß, und man vergißt dabei ganz, dass man
doch eigentlich Angst hat“, wundert sich Marion über ihren
spaßigen Ritt.
Leichttraben leicht gemacht, Tag 5: Themen rund um
die Gesundheit der Pferde werden nach der morgendlichen Gymnastik auf
der Weide besprochen. Welche Krankheiten es gibt und wie man vorbeugen
kann, wird von Anna Eschner und Jochen Schumacher erläutert. In
der Ovalbahn wird nun das Leichttraben auf dem richtigen Fuß geübt.
„Ich kann im Trab durch die Ovalbahn reiten, mit nur einer leichten
Verbindung zum Pferdemaul – ich hätte nie gedacht, dass das
schon nach fünf Tagen möglich wäre“, strahlt die
25-jährige Marion. „Die Teilnehmer reiten im Schritt, und
können dabei schon ganz genau sagen, wann das Pferd mit dem rechten
oder linken Hinterbein abfußt. Auf vielen anderen Kursen sehen
wir, das manche Reiter, die über jahrelange Reiterfahrung verfügen,
nicht in der Lage sind die Momente des Abfußen zu bestimmen. Dieses
Bewußtsein – wann macht das Pferd was und warum tut es das
– sollen die Anfänger lernen, denn darauf baut alles auf“,
so Anna Eschner.
Ein Tag ohne Pferde, Tag 6: Die Schüler, die im
Hotel vor der Anlage übernachten, streunen an ihrem freien Tag
über die Anlage. Sie bewundern die fortgeschrittenen Reiter auf
dem Platz, die Herdenspiele der Pferde auf der Weide oder stöbern
in den Pferde-Fachbüchern, die Schumacher seinen Schülern
empfiehlt.
Mit Zügeln und Trense, Tag 7: Reiten mit Zügelführung.
„Unsere Schüler sollten immer eine leichte stetige Verbindung
zum Pferdemaul haben. Um die Mechanik der Trense zu begreifen, üben
die Teilnehmer zuerst am Boden: Ein Schüler nimmt das Gebiss zwischen
beide Hände und ein weiterer zieht leicht an den Zügeln. Die
Teilnehmer sind dabei sehr vorsichtig. Auf dem Pferderücken dürfen
sie erst mit Trense reiten, wenn sie gelernt haben, sich nicht daran
festzuhalten“, so Schumacher. Nach ausführlicher Erläuterung
der verschiedenen Trensenarten und ihrer Funktionen, geht es wieder
ab aufs Pferd.
Locker in die Kurven, Tag 8: Der Muskelkater der ersten
sieben Tage ist verflogen, und die Teilnehmer reiten schon im Schritt,
Trab und Galopp. Fleißig werden nun auch Wendungen geübt.
Der erste Ausritt, Tag 9: Wie sich Reiter im Gelände verhalten
sollen, welche Pferde dafür benötigt werden und welche Ausrüstung
empfehlenswert ist, wird im Theorieraum bei Tee und Kaffee erklärt.
Anschließend folgt der lang ersehnte Ritt ins Gelände. Der
erste Ritt wird nur im Schritt zurückgelegt, da viele Reiter doch
noch unsicher sind.
Geländeritt als Höhepunkt, Tag 10 und 11: Was
viele Reiteranfänger erst nach ein oder zwei Jahren erleben dürfen,
genießen die Schüler des Rekener Kurses schon am zehnten
Tag: Der vierstündige Geländeritt zum Gasthof und zurück.
Wem zwei Stunden allerdings genügen, der kann einen anderen Teilnehmer
die halbe Strecke reiten lassen. Und Schüler, die lieber mit einem
Pferd auf der Anlage bleiben, Bodenarbeit erlernen oder durchs Wasser
reiten möchte, können dies gerne tun. „Ausführlich
beraten wir unsere Teilnehmer am Ende des Seminars über die Wahl
des richtigen Reitpferdes. Es sollte nicht direkt ein Pferd gekauft
werden. Ein zuverlässiges Reitbeteiligungs- oder Pflegepferd ist
ein guter Anfang. Jedoch sollte man sich selber gut einschätzen,
ob es das richtige Tier ist.“ Fritz, Akila und Marion denken noch
nicht ans eigene Pferd. Doch weiter reiten wollen alle drei. „Es
ist sehr selten, dass Teilnehmer nach diesem Kurs nicht weiter reiten.
Viele kommen wieder, um ihre Reitfähigkeiten zu festigen und zu
verbessern“ erinnert sich Anna Eschner.
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Text & Fotos: Schneider
I Horses
In Media
Jochen Schumacher mit einer
fortgeschrittenen Schülerin
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