Einsteigen mit Spaß statt Stress
In elf Tagen sicher im Sattel


2,4 Millionen Reiter gibt es in Deutschland und weitere 1,5 Millionen würden laut der FN gerne Reiten lernen. Nur wo? Für erwachsene Reiteinsteiger bieten sich kaum Möglichkeiten, möchten sie nicht im Kinderkurs landen. Das münsterländer FS-Reitzentrum Reken bietet Ein- und Wiedereinsteigern einen elftägigen Kompakt-Kurs für Erwachsene.

Die üblichen acht bis zehn Longenstunden im Monat oder die eine Reitstunde in der Woche verursachen eher regelmäßigen Muskelkater, als ein Gefühl fürs Pferd. Selbständig reiten kann der Schüler dann oft erst nach einigen Monaten. Anders im Elf-Tage-Einsteigerkurs des Rekener Reitzentrums. Die Schüler kommen mit null Know-How und verlassen den Kurs als richtige Reiter. Schon am zweiten Tag gehen sie routiniert mit den Tieren um: Selbstständig holen Sie die Tiere vom Paddock, führen sie zum Putzbalken, binden sie mit einem Sicherheitsknoten an und bürsten sie. Am 10. Tag traben und galoppieren die Schüler schon durchs Gelände, wobei Sicherheit für Pferd und Reiter, das Bewußtsein über den eigenen Körper und die aufmerksame Beobachtung des Pferdes immer an erster Stelle steht. Jochen Schumacher, Leiter des FS-Reitzentrums Reken, und Lebenspartnerin Anna Eschner halten die Kurse abwechselnd und vermitteln mit der richtigen Mischung aus Fachwissen, Witz und Charme eine fundierte Reitbasis für Anfänger.

Reiten ohne Sattel, Tag 1:
Neun Reit-Interessierte, die ihren Morgen sonst im Büro oder Geschäft verbringen stehen vor Jochen Schumacher. Unter ihren Füßen ist Gras und in ihrer Nase der Duft der großen weiten Pferdewelt. „Wieso möchten Sie reiten lernen?“, fragt der Kursleiter. Fritz Fuchs, 52 Jahre alt weiß es genau: „Ich bin auf der Suche nach einem Hobby, das ich während meiner Pension ausüben kann. Da ich Pferde toll finde, möchte ich es einmal versuchen“. Die Nordholmerin Marion Grawaritz dagegen hat schon schlechte Erfahrungen gemacht und hofft, in diesen elf Tagen die gesammelten Ängste wieder los zu werden. Los geht’s mit den ersten Themen der Theoriestunde: Anna Eschner erklärt locker und fachgerecht das Herdenverhalten der Pferde und deren richtige Haltung. Doch hier wird nicht nur die Schulbank gedrückt: Im Paddock setzten die Schüler ihr frisch erlerntes Wissen in die Tat um. „Ich habe schon einige Reitstunden genommen und noch nie hat mir jemand gezeigt, wie ich mich einem Pferd nähere und warum ich ein Pferd so oder so aufhalftere“, stellt Akila Mokhbi aus Lörrach fest. „Schon am ersten Tag werden die Teilnehmer im Schritt geführt. Sie sollen ein Gefühl für die Bewegung des Pferdes bekommen. Wenn sie es sich zutrauen, können sie dabei die Augen schließen“, so Anna Eschner.

Die ersten Paraden Tag 2: Die Pferde mümmeln noch gemütlich an ihrem Morgenheu, während auf der Wiese neben ihnen eine Gruppe Erwachsene hüpft, stretcht und lacht: das morgendliche Fitness-Programm, das nicht nur die Muskeln, sondern auch das Koordinations- und Körpergefühl der Teilnehmer stärkt. „Erstaunlich“, wundert sich 32-jährige Akila, „dass es mir so viel Spaß macht und auch keiner der Gruppe diesen sportlichen Auftakt missen möchte“. Sportlich ist auch der Rest des Tages. Auf einem großen Sitzbalken wird Balance und Sitz geschult, bevor es auf „Heine“, das Holzpferd, geht. An ihm praktiziert die Gruppe das korrekte Aufsatteln und Aufsteigen. Auf der Ovalbahn, einer etwa drei Meter breiten, ovalförmigen Sandbahn, reiten die Teilnehmer dann auf echten Pferden. Durch eine leichte Parade halten sie die Pferde an und reiten sie mit Schenkeldruck wieder an. „Die Reiter sollen jetzt schon das wechselseitige Treiben lernen. Der Sitz wird immer wieder von uns korrigiert, da der Reiter sich nicht mit der Wade oder den Händen festhalten darf. Geritten wird die ersten Tage nur mit Halfter und Zügeln aus Stricken“, so Schumacher, der großen Wert darauf legt, die Schulpferde nicht ungerecht zu behandeln. Der Nachmittag endet mit Sattelkunde.

Mit Halfter im Galopp, Tag 3: Routiniert holen sich die Teilnehmer die Pferde vom Paddock, satteln und halftern sie auf und führen sie in die Ovalbahn. „Aussitzen und Leichttraben ist noch zu schwer für die Anfänger, deshalb kommt bei uns der Galopp vor dem Trab. Immer wieder wird das Anreiten und Anhalten im Schritt geübt. Damit sich die Reiter dann im Trab nicht mit den Waden am Pferd festklammern und einen stabilen Sitz bekommen, bringen wir ihnen zuerst das Trabfedern bei“, erklärt Anna. „Dies ist ein Entlastungssitz, bei dem sich der Reiter mit den Knien festhält und seinen Oberkörper vorbeugt“, so Fritz aus Freiburg nach seiner ersten Trab-Erfahrung. „Die Balance zu halten ist enorm schwer. Ich darf zusätzlich mit einem Halsriemen reiten, an dem ich mich zwischendurch festhalten kann, denn um mich auszubalancieren, darf ich nicht in die Zügel greifen.“

Im Slalom um die Tonnen, Tag 4: Die Pferdefütterung steht heute auf dem Stundenplan. Danach geht es wieder in die Ovalbahn. Mit Schulpferd Tinker galoppiert Akila schon eine halbe Bahn. Marion Grawaritz aus Nordholm reitet im Slalom mit einem Wasserbecher in der Hand um Verkehrshüte herum, um das Reiterspiel zu gewinnen. „Es macht riesigen Spaß, und man vergißt dabei ganz, dass man doch eigentlich Angst hat“, wundert sich Marion über ihren spaßigen Ritt.

Leichttraben leicht gemacht, Tag 5: Themen rund um die Gesundheit der Pferde werden nach der morgendlichen Gymnastik auf der Weide besprochen. Welche Krankheiten es gibt und wie man vorbeugen kann, wird von Anna Eschner und Jochen Schumacher erläutert. In der Ovalbahn wird nun das Leichttraben auf dem richtigen Fuß geübt. „Ich kann im Trab durch die Ovalbahn reiten, mit nur einer leichten Verbindung zum Pferdemaul – ich hätte nie gedacht, dass das schon nach fünf Tagen möglich wäre“, strahlt die 25-jährige Marion. „Die Teilnehmer reiten im Schritt, und können dabei schon ganz genau sagen, wann das Pferd mit dem rechten oder linken Hinterbein abfußt. Auf vielen anderen Kursen sehen wir, das manche Reiter, die über jahrelange Reiterfahrung verfügen, nicht in der Lage sind die Momente des Abfußen zu bestimmen. Dieses Bewußtsein – wann macht das Pferd was und warum tut es das – sollen die Anfänger lernen, denn darauf baut alles auf“, so Anna Eschner.

Ein Tag ohne Pferde, Tag 6: Die Schüler, die im Hotel vor der Anlage übernachten, streunen an ihrem freien Tag über die Anlage. Sie bewundern die fortgeschrittenen Reiter auf dem Platz, die Herdenspiele der Pferde auf der Weide oder stöbern in den Pferde-Fachbüchern, die Schumacher seinen Schülern empfiehlt.

Mit Zügeln und Trense, Tag 7: Reiten mit Zügelführung. „Unsere Schüler sollten immer eine leichte stetige Verbindung zum Pferdemaul haben. Um die Mechanik der Trense zu begreifen, üben die Teilnehmer zuerst am Boden: Ein Schüler nimmt das Gebiss zwischen beide Hände und ein weiterer zieht leicht an den Zügeln. Die Teilnehmer sind dabei sehr vorsichtig. Auf dem Pferderücken dürfen sie erst mit Trense reiten, wenn sie gelernt haben, sich nicht daran festzuhalten“, so Schumacher. Nach ausführlicher Erläuterung der verschiedenen Trensenarten und ihrer Funktionen, geht es wieder ab aufs Pferd.

Locker in die Kurven, Tag 8: Der Muskelkater der ersten sieben Tage ist verflogen, und die Teilnehmer reiten schon im Schritt, Trab und Galopp. Fleißig werden nun auch Wendungen geübt.

Der erste Ausritt, Tag 9:
Wie sich Reiter im Gelände verhalten sollen, welche Pferde dafür benötigt werden und welche Ausrüstung empfehlenswert ist, wird im Theorieraum bei Tee und Kaffee erklärt. Anschließend folgt der lang ersehnte Ritt ins Gelände. Der erste Ritt wird nur im Schritt zurückgelegt, da viele Reiter doch noch unsicher sind.

Geländeritt als Höhepunkt, Tag 10 und 11: Was viele Reiteranfänger erst nach ein oder zwei Jahren erleben dürfen, genießen die Schüler des Rekener Kurses schon am zehnten Tag: Der vierstündige Geländeritt zum Gasthof und zurück. Wem zwei Stunden allerdings genügen, der kann einen anderen Teilnehmer die halbe Strecke reiten lassen. Und Schüler, die lieber mit einem Pferd auf der Anlage bleiben, Bodenarbeit erlernen oder durchs Wasser reiten möchte, können dies gerne tun. „Ausführlich beraten wir unsere Teilnehmer am Ende des Seminars über die Wahl des richtigen Reitpferdes. Es sollte nicht direkt ein Pferd gekauft werden. Ein zuverlässiges Reitbeteiligungs- oder Pflegepferd ist ein guter Anfang. Jedoch sollte man sich selber gut einschätzen, ob es das richtige Tier ist.“ Fritz, Akila und Marion denken noch nicht ans eigene Pferd. Doch weiter reiten wollen alle drei. „Es ist sehr selten, dass Teilnehmer nach diesem Kurs nicht weiter reiten. Viele kommen wieder, um ihre Reitfähigkeiten zu festigen und zu verbessern“ erinnert sich Anna Eschner.


Text & Fotos: Schneider I Horses In Media
Jochen Schumacher mit einer
fortgeschrittenen Schülerin