Bernd Hackl:
Der One-Rein-Stop

Ziel:
Das Pferd soll dem leichten Druck des Schenkels mit der Hinterhand weichen und so zum Anhalten gelangen.

Die erste Übung legt unser Augenmerk auf die Hinterhand. Die Hinterhand eines Pferdes wird auch gerne als der »Motor« bezeichnet. Von ihm geht jeder Schub und Schwung aus. Ich möchte aber eine Kontrolle über diesen Motor haben und den Schwung und die Kraft für mich ausnutzen. Gleichzeitig ist es auch eine interessante Vorübung zum Lenken. Wenn ein Pferd sich gerne auf die Schulter legt und ich das ganze Gewicht auf dem Gebiss habe, halte ich mich nicht an diesem Fehler auf. Ein Pferd ist immer stärker als der Mensch. Der »One-Rein-Stop« gibt mir die Möglichkeit, über einen kleinen »Umweg« wesentlich mehr zu erreichen.

Bei jungen Pferden erreiche ich mit dem »One-Rein-Stop« eine weiche Lenkung, die das natürliche Gleichgewicht weitestgehend erhält. Erst wenn mein Pferd sich an das Reitergewicht in allen Grundgangarten gewöhnt hat, gehe ich zu einer Trense mit Gebiss über. Bei älteren Pferden, die gelernt haben, ihre Kraft gegen den Menschen einsetzen, nehme ich mit dieser Übung Schwung aus dem »Motor« und lege so die Basis für eine neue Zusammenarbeit.

Eine gute Vorübung für den »One-Rein-Stop« ist das weiche Nachgeben des Pferdes am Zügel oder Führstrick. Wenn mein Pferd den Kopf nach links geben soll, nehme ich den linken Zügel in die linke Hand, komme damit bis zum Mähnenkamm. Das Pferd biegt sich dabei leicht nach links und gibt dem Zügeldruck gegenüber nach. Ich ziehe nicht am Zügel, sondern lasse ihn weich anstehen und warte, bis mein Pferd diesem Druck gegenüber nachgibt. Mit der Zeit wird das Pferd weicher und weicher. Irgendwann muss ich weder am Zügel »ziehen« noch sonst viel Druck ausüben. Ich nehme nur einen Zügel auf und das Pferd ist im Hals so flexibel, dass es mit dem Kopf bis zu meinem Bein herumkommen kann. Ich möchte also nicht, dass sich mein Pferd durch Zug oder Zwang biegt, sondern nur auf einen leichten Kontakt hin weich nachgibt. Je feiner und leichter dieses Biegen funktioniert, umso leichter wird es mit dem »One-Rein-Stop« werden.

Beim »One-Rein-Stop« lernt das Pferd, dass ein Zügel und ein Schenkel auf derselben Seite mit der Hinterhand kommunizieren sollen. Ich nehme zum Beispiel den linken Zügel Richtung Mähnenkamm, um das linke Vorderbein zu blockieren. (Das linke Vorderbein »hängt« am linken Zügel, das rechte Vorderbein »hängt« am rechten Zügel.)
Während ich also das linke Vorderbein des Pferdes blockiere, lege ich meinen linken Schenkel hinter den Sattelgurt, um das Pferd mit der Hinterhand nach rechts zu verschieben. Dabei ist mein Gewicht ganz leicht nach rechts verlagert – wirklich nur ganz leicht, ich will mein Pferd nicht umwerfen. Sobald das Pferd diesem Druck ausweicht, also mit dem linken Hinterbein unter das eigene Gewicht tritt und mit dem rechten Hinterbein nach rechts geht, nehme ich den Druck des Schenkels weg. Gleichzeitig bleibt mein linker Zügel stehen, bis mein Pferd ebenfalls steht. Darum heißt diese ganze Übung »One-Rein-Stop« (Anhalten mit einem Zügel).

Was möchte ich damit erreichen? Genau genommen muss ich sagen, was ich eigentlich nicht erreichen will. Ich möchte nicht, dass mein Pferd sich angewöhnt, sich auf das Gebiss zu legen, wenn zwei Zügel daran ziehen. Leider ist oft zu beobachten – nicht nur bei jungen Pferden – dass die dazugehörigen Reiter mit beiden Zügeln und reiner Muskelkraft versuchen, ihre Pferde anzuhalten. Für den Zuschauer sind die Folgen gut zu sehen: Die Pferde machen entweder das Maul auf oder legen sich auf das Gebiss, jeweils um diesem Druck zu entgehen. Und für viele Reiter ist diese Handhabung völlig normal, nicht ahnend, welche Probleme damit vorprogrammiert sind. Mit dem »One-Rein-Stop« gehe ich in eine andere Richtung. Wenn diese Übung sitzt, kann ich mit einem Zügel und wenig bzw. keiner Muskelkraft mein Pferd anhalten. Ein Pferd wird sich im Normalfall nicht auf einen Zügel legen, sondern den Kopf biegen.

Sollte es trotzdem mal vorkommen, dass ein Pferd versucht, diesem Zügel auszuweichen, so wechsle ich einfach die Seite. Wenn ich merke, mein Pferd drückt nach rechts, weil ich den rechten Zügel aufnehme, nehme ich stattdessen den linken Zügel auf und klopfe mit dem linken Schenkel hinter dem Sattelgurt. Ich kann in diesem besonderen Fall sogar die Kraft des Pferdes für mich ausnutzen. Eine verblüffende Erfahrung für meinen vierbeinigen Partner. Das Pferd bekommt so keine Chance, seine Kraft gegen mich einzusetzen.

Bei dieser Übung teile ich mein Pferd gewissermaßen in zwei Hälften – in eine vordere und eine hintere. Ich kann meinem Pferd so mitteilen, dass ich mit einem Zügel die vordere Hälfte anhalten kann, während ich die hintere Hälfte – also den »Motor« – umleiten kann. Der Schwung muss in für mich und das Pferd angenehme Bahnen gelenkt werden. Würde ich bei einem Anhaltemanöver beide Zügel aufnehmen, würde der Schwung in diese Zügel und damit in das Gebiss geleitet werden. Bei unserem »One-Rein-Stop« weicht der Schwung dem Druck des Schenkels. Ich baue meinem Pferd eine Umleitung, es wird so versuchen, sein Gleichgewicht wiederzufinden und es wird an einem Zügel anhalten.

Der Druck des Schenkels aktiviert die Hinterhand, das Pferd wird angeregt, fleißig unterzutreten, ohne dass ich dazu die Zügel einsetzen muss. Als Nachteil könnte man anführen, dass dabei die Schulter des Pferdes schwer gemacht wird. Allerdings ist der »One- Rein-Stop« nicht mit einer versammelten Lektion zu verwechseln. Der Zeitpunkt, um ein Pferd über Gewicht und Zügel vorne leicht zu machen, um es in eine Versammlung zu reiten, ist noch nicht gekommen. Ich helfe einem Pferd nur, vermehrt unter seinen Schwerpunkt zu treten, kann also damit eine gute Vorübung in Richtung Versammlung schaffen. In der nächsten Übung, der »Vorder- und Hinterhandkontrolle«, wird auch die Pferdeschulter so mit einbezogen, dass sie wieder leicht gemacht wird.

Zum Abschluss dieses Kapitels bleibt zu erwähnen, dass alles mit der größtmöglichen Leichtigkeit ausgeführt werden sollte: »So wenig wie möglich – so viel wie nötig.« Reagiert mein Pferd weich und nachgiebig, werde ich es mit der gleichen Nachgiebigkeit belohnen. Legt sich mein Pferd allerdings auf das Gebiss oder drückt gegen meinen Schenkel, muss ich mit der entsprechenden Konsequenz antworten. Mein Schenkel wird so lange zum Einsatz kommen, bis mein Kandidat mit der Hinterhand weicht und nachgibt. Wenn mein Timing stimmt und ich sofort mein Pferd mit Nachlassen des Druckes belohne, werde ich beim nächsten Mal von allem weniger brauchen. Manchmal muss ich auch Kompromisse eingehen. Dann bestehe ich nicht gleich auf dem perfekten »One-Rein-Stop«, sondern gebe mich mit ein wenig Verschieben der Hinterhand zufrieden. Wichtig ist wieder, dass alle Schritte ruhig und weich vonstatten gehen. Erstes Ziel ist eine weiche und leichte Reaktion der Hinterhand, anschließend kann ich mich auf das Anhalten konzentrieren.

Nach dem »One-Rein-Stop« kann ich auch nur mit einem Bein »kommunizieren«. Ich nehme einen Zügel auf, nehme leichten Kontakt mit einem Vorderbein auf und warte, bis das Bein sich einen Schritt zurücksetzt. Es muss auch nicht ein ganzer Schritt sein, es reicht, wenn mein Pferd eine Gewichtsverlagerung macht und nur daran denkt, für mich zu arbeiten. Ich werde jede kleine Veränderung in die richtige Richtung sofort belohnen.

Infos: Bernd & Sabine Hackl
Trainingsstall Leuthenmühle
Leuthenmühle 1 & 2
94239 Ruhmannsfelden
09929-958695