Besser Reiten durch Physiotherapie mit Frauke Behrens, Teil 4: das Becken
Besser sitzen durch schwingende Hüften
Ein zentrierter, balancierter Sitz ist die Grundlage für harmonisches Reiten. Das Becken des Reiters spielt dabei eine Hauptrolle: Es ist Schwerpunkt und Motor zugleich, bestimmt Rhythmus, Richtung und Geschwindigkeit. Wie Sie Ihren eigenen Schwerpunkt finden, erläutert Reiterphysiotherapeutin Frauke Behrens.

Das Becken stellt das Bindeglied zwischen Ober- und Unterkörper dar und wird durch Muskeln und Bänder miteinander verbunden. Viele Reiter empfinden beide Beckenhälften als starre Konstruktion wobei das Gegenteil der Fall ist: durch Knochen, Gelenke, Knorpel, Bänder und Muskeln hat das Becken eine Flexibilität, die im Sattel sinnvoll genutzt werden kann. Die Idealhaltung des Beckens Das Becken, zusammen mit den Hüften und der Lendenwirbelsäule, bilden die Mittelpositur des Reiters, sein Zentrum. Reiterliche Sitzfehler wie unruhige Hände, flatternde Unterschenkel, offene Knie oder wackelnder Kopf finden hier in 95 Prozent der Fälle ihren Ursprung.

Die ideale Position ist abhängig von der Stärke der Bauchmuskulatur und der Stellung der Lendenwirbelsäule. Das Becken sollte aus der Mittelstellung heraus die Möglichkeit haben, gleich stark nach vorne oder hinten kippen zu können. In dieser Lage fängt der Reiter den ankommenden Schwung der Pferdebewegung als erstes auf. Optimaler Weise spielt der Reiter mit dem Anspannungsgrad der Muskulatur (dem Tonus) und wirkt zum richtigen Zeitpunkt auf das Pferd ein. Seine Aufrichtung und Balance bleibt erhalten, er tanzt mit Drehungen zu unterschiedlichen Rhythmen und Takten - Harmonie entsteht.

Fehlhaltungen erkennen Ursachen erforschen
Jeder Mensch hat eine individuelle Körperhaltung. Aus diesem Grund führe ich hier verschiedene mögliche Ursachen einer Fehlhaltung auf eine genaue Diagnose stellt der Arzt.

1. Becken zu weit nach vorne gekippt (Spaltsitz)

Der Reiter hat sein Becken zu weit nach vorne gekippt, geht eventuell zu stark ins Hohlkreuz, Tendenz zum Spaltsitz

Mögliche Ursachen:
• Wirbelsäulen-Deformation
• Fehlhaltung (zu schwache Bauchmuskulatur)
• Schlecht auf den Reiter abgestimmter Sattel
• Falsches Bild vom aufrechten Sitz (meist wird gerade mit aufrecht verwechselt)

Muskuläre Zusammenhänge:
Zu weit nach vorne gekippt, behindert das Becken die Bewegungsharmonie zwischen Pferd und Reiter. Der Winkel der Hüftbeugung wird in dieser Haltung verkleinert. Die Hüfte beugt sich, ohne, dass die Bewegung des Pferdes diese Bewegung eingeleitet hat. In dieser Position kommt der Reiter leicht mit dem Körper hinter die Bewegung. Die Bauchmuskulatur wird in eine gedehnte Position gebracht, die untere Rückenmuskulatur verkürzt sich. Folge kann eine Dysbalance in der Muskulatur, der vorderen und hinteren Bauchmuskulatur sein sowie eine Dysbalance zwischen der unteren Rückenmuskulatur und der Oberschenkelinnenmuskulatur.

Häufig sind Reiter in der Lendenwirbelsäule hypermobil (Überbeweglichkeit der Gelenke) und können gut aus der Mittelpositur heraus mitschwingen. Jedoch treten dann meistens Probleme in der Brustwirbelsäule auf. Meistens entstehen die größten Verspannungen zwischen den Schulterblättern. Denn hier liegt häufig das Gegenstück zur Hypermobilität, die Hypomobilität (zu geringe Bewegungsmöglichkeit der Gelenke). Das eine geht leider oft mit dem anderen einher.

2. Becken zu weit nach hinten gekippt (Stuhlsitz)

Der Reiter hat sein Becken zu weit nach hinten gekippt und kommt in den Stuhlsitz Foto: Stuhlsitz BU: Beim Stuhlsitz ? hier eine leichte Fehlhaltung - ist das Becken zu weit nach hinten gekippt Mögliche Ursachen: o Schnitt des Sattels: Manche Westernsättel haben ihre Steigbügelaufhängung sehr weit vorne (zum Beispiel Cuttingsättel). Hier kann der Stuhlsitz nicht verändert werden.
• Abgeflachte Lendenwirbelsäule
• Angst (siehe auch Teil 6)
• Der Reiter ist ein Einsteiger Muskuläre Zusammenhänge Zu weit nach hinten gekippt behindert das Becken den gemeinsamen Bewegungsablauf zwischen Pferd und Reiter. Hier ist der Winkel in der Hüftbeugung ebenfalls verkleinert, wenn der Reiter die Knie hochzieht. Die Bauchmuskeln sind verkürzt und die der unteren Wirbelsäule gedehnt. Es läuft auf eine Dysbalance hinaus, Knieproblemen können entstehen. Man kann diese Sitzform aus verschiedenen Perspektiven betrachten:
• Der Sitz kann aus einer Angst heraus resultieren. Der Stuhlsitz stellt mit angezogenen Knien und zusammengesunkenen Oberkörper eine Embryo Schutzhaltung da, die der Mensch unbewusst einnimmt, um Schutz zu finden.
• Anfänger neigen zum Stuhlsitz weil er physikalisch die größte Wahrscheinlichkeit beinhaltet (Affenklammerhaltung), nicht vom Pferd zu fallen. Der Reiter empfindet sich als Gerade und es fehlt einfach an genügender Rumpfmuskulatur.

3. Oberkörper vor der Senkrechten

Mögliche Ursachen:
• Gleichgewichtsprobleme
• Die Wahrnehmung des Reiters für die Mitte fehlt
• Der Reiter hat einen zu hohen Muskeltonus o Beckenfehlstellung
• Wirbelsäulendeformationen

Muskuläre Zusammenhänge:
Der Reiter sitzt nicht in seinem Schwerpunkt und ist dadurch weiter nach vorne gelagert. Er sitzt auch nicht über dem Schwerpunkt des Pferdes, wodurch das Pferd die vermehrte Last auf der Vorhand tragen und ausgleichen muss. Die Rückenmuskulatur des Reiters arbeitet dann mit der vorderen oberen Oberschenkelmuskulatur und der hinteren Wadenmuskulatur zusammen.
Durch Ausbleiben des Gleichgewichtes nimmt der Reiter vermehrt die Unterschenkel zurück. Die Bauch- und Rückenmuskulatur, hintere Oberschenkelmuskulatur und seitliche Unterschenkelmuskulatur kommen so nicht optimal zum Wirken. Die Folge: Eine Dysbalance.

4. Oberkörper hinter der Senkrechten

Der Reiter versucht unbewusst dem Schwung des Pferdes auszuweichen (siehe auch Teil 2)
• Gleichgewichtsprobleme
• Fehlende Wahrnehmung des Reiters für die Mitte
• Der Reiter hat einen zu hohen Muskeltonus
• Beckenfehlstellung Blockaden in der Wirbelsäule Wirbelsäulendeformationen.

Muskuläre Zusammenhänge:
Der Reiter sitzt nicht im Schwerelot und Schwerpunkt und damit nicht über dem Schwerpunkt des Pferdes. Die geraden Bauchmuskeln des Reiters arbeiten nun stärker mit der Gesäß- und vorderen Oberschenkelmuskulatur. In dieser Haltungsschwäche arbeitet die vordere Muskelkette des Rumpfes mehr als die hintere, was eine Dysbalance zur Folge hat. Bei dieser Fehlhaltung sollten Sie sich an einen Therapeuten Ihres Vertrauens wenden. Korrektur durch Bodenübungen Fehlhaltungen im Becken basieren häufig auf einer Beckenschiefstellung oder -verdrehung. Ursachen dafür liegen in der Wirbelsäule, den Knien, Füßen oder Kiefergelenken. Gelenke haben ihren Zusammenhang in der Biomechanik unseres Körpers: Knie und Schultern stellen einen funktionellen Zusammenhang dar, ebenso wie Kiefergelenke und Kreuz- Darmbeingelenke, Lendenwirbelsäule und Halswirbelsäule. Das Becken ist dabei ein Schlüsselpunkt.
In unserer Kultur ist es verpönt, als Frau oder Mann das Becken beim Gehen frei mitschwingen zu lassen. Frauen wackeln nicht mit dem Allerwertesten, weil es sich nicht gehört. Eine Bitte an alle Frauen: wackelt wieder! Lernt, losgelassen zu atmen und gehen. Atmet in den Bauch und geht frei und mit Schwung.

1. Bodenübung: Für Reiter, die Ihre Becken zu weit nach vorne oder hinten kippen
Sinn & Zweck: Zentrieren des Hüftkopfes in der Hüftpfanne
Legen Sie sich auf den Rücken, nehmen Sie ein normales Handtuch und schlingen Sie dieses um ihr linkes aufgestelltes Bein. Heben Sie das Bein leicht an und umfassen Sie mit beiden Händen die Enden des Handtuchs, so dass Sie ihre Hände auf Ihrem Bauch ablegen können. Ziehen Sie zur diagonalen rechten Schulter während Sie ihr linkes Bein langsam ablegen und lang neben dem rechten Bein ausstrecken. Wiederholen Sie diese Übung drei Mal auf jeder Seite, abends vor dem Schlafengehen und morgens vor dem Aufstehen eine Woche lang.

2. Bodenübung: Für Reiter, die Ihre Becken zu weit nach vorne oder hinten kippen
Sinn & Zweck: Mobilisation der Kreuz-Darmbeingelenke
Begeben Sie sich in den Vierfüßlerstand und fädeln Ihr linkes Bein vor dem rechten ein, wenn möglich ohne die Hände anzuheben. Danach fädeln Sie Ihr rechtes Bein vor dem linken ein und so weiter. Nach etwa fünf Schritten fangen Sie an, in kleinsten Schritten seitwärts zu gehen. Vier Schritte nach links und vier nach rechts. Versuchen Sie, in der Seitwärtsbewegung eine leichte Dehnung in den äußeren Oberschenkeln zu spüren.

3. Bodenübung: Diese Übung ist für alle Fehlhaltungen
Legen Sie sich auf den Rücken, stellen Sie Ihr rechtes Bein so auf, dass der rechte Fuß flach auf dem Boden steht. Legen Sie jetzt das linke Bein mit dem Fußknöchel auf das rechte Knie. Strecken Sie die Arme in Richtung Decke und falten Sie die Hände ineinander. Lassen Sie die Beine in die eine Richtung absinken und Ihre Arme in die andere - also eine Art Verdrehung der Wirbelsäule. Führen Sie die Bewegung sanft in einem langsamen Rhythmus gegeneinander aus, ohne in eine Dehnhaltung zu kommen. Es ist nicht wichtig, ob sich Ihre Schultern abheben oder nicht, Ihr Fuß oder Ihr Knie tatsächlich den Boden berührt. Wichtig ist, dass Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Lendenwirbelsäule richten und spüren wo Bewegung stattfindet und ob eine Seite leichter geht als die andere.

4. Bodenübung: Für Reiter, die ihren Oberkörper vor oder hinter der Bewegung haben
Hilfsmittel: großer Gymnastikball Setzten sie sich mit dem Gymnastikball so vor einen Spiegel, dass Sie sich von der Seite betrachten können. Stellen Sie Ihre Füße hüftbreit auseinander, legen Sie Ihre Hände auf den Oberschenkeln ab. Versuchen Sie mit dem Becken durch Vor- und Zurückkippen des Beckens, den Ball vor- und zurückzubewegen. Der Oberkörper bleibt dabei ruhig in der Mitte positioniert. Sitzkorrektur Wie in den vorangegangenen Teilen erläutert, ist es wichtig, dass der Reiter die Übungen vorerst trocken auf dem Boden ausprobiert. Auch das Pferd braucht eine Vorbereitung: Machen Sie es vor jeder Übung mit den Hilfsmitteln bekannt. Sie können die Gangart bestimmen, wobei ausgesessener Trab am Effektivsten ist. Im Schritt, Tölt und Jogg kann die Übungszeit einfach verdoppelt werden.

1. Übung Für Reiter, die Ihr Becken zu weit nach vorne kippen
Hilfsmittel: Tennisball, Longe Positionieren Sie den Tennisball unter Ihren linken inneren Oberschenkel, etwa auf 2/3 der Strecke zwischen Knie und Hüfte. Traben Sie aussitzend vier Bahnrunden.
Legen Sie den Ball nun unter den rechten Oberschenkel und wiederholen Sie die Runden. Reiten Sie nun mit dem Tennisball unter dem Sitzbeinhöcker (siehe Reiterphysiotherapie, Teil 2).

2. Übung Für Reiter, die Ihr Becken zu weit nach hinten kippen
Sinn & Zweck: Lösen von fester Muskulatur Hilfsmittel: 1 Tennisball, eventuell an der Longe Klemmen Sie den Tennisball unter Ihren linken inneren Oberschenkel, kurz oberhalb des Knies. Traben Sie vier Runden leicht. Positionieren Sie ihn zuerst unter den linken und danach unter den rechten Sitzbeinhöcker (siehe Reiterphysiotherapie, Teil 2).

3. Übung Für Reiter, die den Oberkörper vor der Senkrechten haben Gymnastikbänder (Latexbänder) jeweils 1 Meter lang oder 2 Bänder à 2 Meter, Tennisball, Longe Lassen Sie sich beim Anlegen der Schlingen behilflich sein und gewöhnen Sie Ihr Pferd an die Bänder.
Verknoten Sie die Gymnastikbänder vor dem Reiten so, dass Sie zwei Schlingen à 2 m haben. Führen Sie die Schlinge mit Hilfe einer anderen Person von der Hacke des linken Fußes über den Kopf diagonal zur rechten Schulter. Die Schlingen verlaufen diagonal und ihr Druck sollte Ihnen das Gefühl geben, dass die Hacken hochgezogen werden. Richten Sie sich gegen den Druck nach vorne oben auf, übertreiben Sie die Haltung ruhig. Haben Sie sich im Schritt an die Bänder gewöhnt, können Sie abwechselnd leichttraben und aussitzen. Ihr Fokus sollte auf den Gegendruck gerichtet sein. Kontrollieren Sie sich im Spiegel oder lassen Sie einen Helfer kommentieren, ob Sie sich wirklich im Schwerelot befinden. Reiten Sie mit den Bändern, Zirkel oder ganze Bahn für etwa 10 bis 15 Minuten, oder an der Longe. Nachdem sie die Bänder abgenommen haben sollte sich ein Gefühl des "leichter Fühlens" einstellen. Versuchen Sie nun im Schwerelot zu sitzen. Es sollte Ihnen für eine gewisse Zeit gelingen.

 

 


Text & Fotos: Schneider I Horses In Media

Frauke Behrens
Seit über 20 Jahren ist Behrens in der Physiotherapie zuhause. Als leidenschaftliche Reiterin erkannte sie bald die Schwierigkeiten vieler Reiter und entwickelte ein Programm zur Verbesserung des Reitersitzes. In bundesweiten Kursen lehrt die Norddeutsche mehr Körperwahrnehmung, sensibilisiert Reiter für ihre eigenen Bewegungsabläufe und sorgt durch gezielte Übungen für Erfolge im Sattel.

Frauke Behrens Homepage

Infos: Frauke Behrens I Tel. 0171-2702922 info@behrens-sitzschulung.de

 

Tipp zur Wahrnehmung: Nehmen Sie Ihre Hände vor Ihren Körper und umfassen Sie damit eine imaginäre Vase. Wenn Sie nun Ihre Hände im Handgelenk nach unten oder oben kippen, stehen die Handflächen für die Beckenschaufeln. Halten Sie nun eine Hand höher als die andere, stellt das eine Beckenschiefe da. Kommt eine Hand zu weit nach unten und die andere nach oben, stellt dem eine Verdrehung im Becken dar. Vorschau: Und wie sich die Haltung Ihrer Knie und Fußgelenke auf Ihren Sitz auswirkt, lesen Sie im nächsten Teil der Serie "Reiterphysiotherapie mit Frauke Behrens".

 

 


 


1. Bodenübung

 


2. Bodenübung: Diese Übung sorgt
für Mobilität der Lendenwirbelsäule
und des Beckens

 


4. Bodenübung: Mit Hilfe des Gymnastikballs können Sie Ihre
Mitte finden.


1. Übung im Sattel: Verspannung ade - diese Übung löst feste Muskulatur.


3. Übung im Sattel: Um Fehlhaltungen
zu verbessern, muss der Reiter Sie
erst einmal erkennen - das Reiten mit Bändern hilft ihm dabei.