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Therapie mit Blutegeln |
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Blutegel erleben nicht nur in der Humanmedizin eine Renaissance, auch bei der Behandlung von Pferden werden sie immer häufiger eingesetzt. Hat man die Fähigkeiten der kleinen Wunderheiler einmal für sich entdeckt, wird aus den oft eklig anmutenden Würmern schnell ein nützlicher Freund und Helfer. Und was dieser alles kann und wie man mit ihm umgehen muss, erläutert Ihnen Rika Schneider. Nur mit etwas Überzeugung, Ruhe und Fingerspitzengefühl
lässt sich der kleine Blutegel aus dem dunklen Apothekerglas fischen.
Es kostet Überwindung, ihn anzufassen, doch die Hoffnung auf schnelle
und natürliche Heilung einer Wunde oder Sehne, lässt dies schnell vergessen.
Wer als Kind mit Regenwürmern gespielt hat, wird sich mit dessen Verwandtem,
dem ‚Hirudo medicinalis', bald anfreunden können. Während sich der kleine
schwarze Wurm auf dem Weg zu seiner Fressstelle zwischen den Fingern
windet, heißt es Obacht geben: Schnell hält er sich mit seinen zwei
Saugnäpfen, die er an beiden Enden hat, an der Haut der Finger fest.
Das ist erst einmal nicht tragisch. Doch beißt er mit seinen 80 kleinen,
beweglichen Zähnen, die je auf einer wie ein Mercedes Stern angeordneten
Kieferplatte sind - also insgesamt 240 Zähne - zu, zieht es nicht nur
ganz schön, man muss dann auch warten bis er fertig gespeist hat und
das Nachbluten in Kauf nehmen. Denn der Egel darf auf keinen Fall einfach
abgezogen werden. Nicht ohne eine Diagnose Der Blutegel ist ein Wunderheiler und gilt als uraltes medizinisches Heilmittel. Nicht umsonst erfährt er zurzeit in der Human- und Tiermedizin ein Comeback. Das Geheimnis seines Erfolges liegt dabei in seinem Speichel-Cocktail, das er dem Patienten beim Saugen verabreicht. Er wirkt schmerzstillend, entzündungshemmend und blutverdünnend. Er besteht aus Egline, Bdeline, Apyrase, Kollagenasen, welche eine spezifische Rolle in der Entzündungs- und Gerinnungshemmung spielen. Eine histaminähnliche Substanz wirkt gefäßerweiternd. Der wichtigste Bestandteil des Wirkstoffcocktails ist das Hirudin, nachdem der Egel auch bekannt ist, welches eine gerinnungshemmende Wirkung hat. Durch die Sägebewegung wird der Speichel tief in die Haut eingetrieben. Es kommt dadurch zur genannten Nachblutung. Das Saugen des Egels und das Nachbluten hat die Wirkung von einem kleinen Aderlass. Ob Mensch, Hund oder Pferd - Egel können einen Heilungsprozess enorm beschleunigen. Doch ehe man losgeht und eigenmächtig eine Behandlung mit Egeln angeht, sollte der Tierarzt eine Diagnose gestellt haben. Der Egel hilft zusätzlich sollte aber am besten auch von einem Egel-Fachmann gesetzt werden. Christoph Waterhues ist Physiotherapeut, Osteopath, Lymphdrainagetherapeut und ein Spezialist auf dem Gebiet Egel-Therapie. "Es ist nicht ungefährlich, Egel zu setzen", erläutert der 41-Jährige. "Pferde, die Blutgerinnungsstörungen haben oder blutverdünnende Medikamente erhalten, die eine Hirudin-Allergie haben oder an Herzinsuffizienz leiden, die sehr alt oder sehr schwach sind, können gefährdet sein. Der Aderlass, den Blutegel verursachen, ist sehr sanft, dennoch kann es zu schwitzen des Pferdes kommen, bei schwachen Pferden vielleicht zu ernsteren Problemen. Bei so einer Behandlung muss man auch wissen, was man dann tun kann. Dem Laien fehlt da häufig das Fachwissen und die Erfahrung." Aus diesem Grund behandelt Waterhues die Patienten selber, lässt die Besitzer aber nach einer Einweisung die Folgebehandlung zuhause durchführen. "Bei jeder Krankheit sollte die Ursachenforschung im Mittelpunkt stehen. Hat ein Pferd zum Beispiel Mauke und der Besitzer möchte die wunden Stellen durch die Behandlung mit Blutegeln schneller abklingen lassen, ist dies gut. Allerdings sollte herausgefunden werden, warum die Mauke überhaupt entstanden ist. Durch schlechte Haltungsbedingungen und ständiges Stehen in Matsche oder durch ein Husten- oder Lungenproblem des Pferdes." Denn stellt man die Ursache ab, löst sich das Problem häufig von alleine und gar keine Behandlung ist nötig. Wobei Egel helfen Die schwarzen Verwanden des Regenwurms helfen auf vielen Gebieten: Bei Arthrose, Rückenverspannungen, Sehnenproblemen, Schlagverletzungen Blutergüsse, akuter Hufrehe, Podotrochlose (Hufrollenerkrankung), Gonarthrose (Kniegelenksarthrose), Schale, Patellaluxation, Spondylosen, Abszesse, Thrombosen, Ödemen oder vielem mehr. Sie regen den Lymphfluss an und sorgen durch ihren Speichel für Linderung. "Neben der tierärztlichen Betreuung kann das Behandeln einer überbelasteten Sehne durch einen Blutegel die Heilungsphase enorm verkürzen. Bei einem akuten Fall von Hufrehe kann das Ansetzen von Egeln am Kronrand dem Pferd erste Erleichterung bringen und ihm durch den Aderlass den Druck aus dem Huf nehmen", erläutert der Experte, der immer wieder darauf hinweisen möchte, das der Egel den Tierarzt nicht ersetzt, sondern unterstützt. "Besonders großen Erfolg erzielt die Blutegelbehandlung nach Operationen. Die oft noch angelaufenen Stellen schwellen durch das Anregen des Lymphflusses schnell ab. Überall wo sich Körperflüssigkeit, Blut oder Lymphe angesammelt hat, kann der Blutegel angewendet werden." Wie viele Egel auf einer Wunde angesetzt werden ist unterschiedlich und sollte von einem erfahrenen Therapeut bestimmt werden. Manchmal reicht ein Egel, manchmal müssen mehrere Egel hintereinander angesetzt werden. Für den Laien ist dies schwer zu beurteilen, da der Zustand des vierbeinigen Patienten dabei eine wichtige Rolle spielt. Es empfiehlt sich immer, mit einem Experten zusammen zu arbeiten. Anspruchsvoll und eigenwillig Der 12 bis 15 Zentimeter lange und ein bis zwei Zentimeter dicke Wurm beißt noch lange nicht immer und überall. Haut und offene Wunden sind ihm das Liebste, mit Haaren also Fell braucht man ihm gar nicht kommen. Die zu ‚egelnde' Stelle sollte also vorher gut rasiert werden. Auch bei Gerüchen ist der Egel, der nach dem Saugen fünfmal so dick sein kann wie vorher, sehr sensible. Auf frisch mit Seife gewaschenen Fingern oder einer desinfizierten Wunde reagiert er mit Winden und Zusammenziehen - beißen ist da nicht. Der Egel mag es halt natürlich. Hat er einmal die richtige Oberfläche gefunden saugt er sich mit beiden Enden fest, wie zu einer Brücke geformt, beißt zu und beginnt zu saugen. Sein Körper pumpt das Blut aus dem Patienten, man sieht, wie sich sein kleiner Körper wellenartig bewegt. Egel müssen mindestens zwei Jahre alt sein, ehe sie zum Saugen eingesetzt werden können und haben eine Lebenserwartung von bis zu 30 Jahren. Eingesetzt werden darf ein medizinischer Blutegel in Deutschland aber nur einmal - wegen der Infektionsgefahr. Die Firma ZAUG gilt als größter Deutscher Blutegelzüchter. Beziehen kann man medizinische Egel direkt bei ihnen oder man bestellt sie in der Apotheke. Importierte Egel kommen meist aus der Türkei. Neue Richtlinien bei der Entsorgung von Blutegeln Die Biebertaler Zuchtstation ZAUG, die rund 80.000 Tiere im Jahr in Deutschland an Human- und Veterinärmediziner verkauft, ist die größte in Deutschland. Bisher nahm sie verwendete Blutegel zurück. In einem Rentnerbecken konnten die Würmer ihren Lebensabend verbringen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat diese Rücknahme der Blutegel nun verboten. Zur Entsorgung gelten folgende Bedingungen: - Blutegel sollten nicht in freier Natur ausgesetzt werden. Die Übertragung von infiziertem Patientenblut von frisch ausgesetzten Blutegeln auf andere Lebewesen gegebenenfalls auch auf den Menschen ist bei unkontrolliertem Aussetzten nicht sicher auszuschließen. - Tötung durch hochprozentigen Alkohol wie zum Beispiel Spiritus oder Einfreieren bei -18 Grad Celsius. - Entsorgung der Tiere über den Abfallschlüssel 180102 ‚infektionspräventive Abfälle' oder in flüssigkeitsdichten Behältnissen mit der Fraktion Restmüll entsorgen. Das Behältnis sollte aus Sicherheitsgründen auch mit dem Hinweis ‚potentiell infektiös' beschriftet werden. - bei der Entsorgung sind die Anforderungen der Technischen Regeln für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA) in Verbindung mit der Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei Tätigkeiten mit Biologischen Arbeitsstoffen (Biostoffverordnung) zu beachten. |
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