Fohlen sollten in der Herde aufwachsen

Sein Fohlen zur Aufzucht weg zu geben, fällt vielen Pferdebesitzern schwer. Doch was, wenn das Fohlen in einem Pensionsstall ohne Gleichaltrige aufwächst? Wie wichtig sind ebenbürtige Spielpartner für seine soziale Entwicklung? Würde eine Aufzucht mit erwachsenen Pferden negative Auswirkungen auf seine Entwicklung haben? Dr. Dorothe Meyer kommentiert.

Eine normale Kinderstube, auf die Verhaltensexperten immer wieder verweisen, gibt es nur in freier Wildbahn. Stuten, Hengste und Fohlen leben dort zusammen in einem sozialen Gefüge. Eine artgerechte Haltung ist in unseren Trainings-, Zucht- und Pensionsbetrieben nicht möglich. Für die normale Entwicklung eines Fohlens ist es jedoch wichtig, so naturgetreu wie möglich aufzuwachsen. Denn nur dadurch lernen unsere Hauspferde, artgerecht zu reagieren und zu agieren - ohne Fehlverhalten oder Krankheiten zu entwickeln. Es gilt also: Die Haltung sollte sich so nah wie möglich an dem Konzept der Wildpferdeherde gehalten orientieren.

Ein Blick in die ‚normale' Kinderstube

Wildpferde leben im Herdenverbund. Dieser besteht aus der Leitstute, weiteren Stuten, einem Hengst sowie Jungpferden unterschiedlichen Alters, (Junghengste meistens bis zwei Jahre alt, Jungstuten bis drei Jahre). Stuten, die abfohlen, entfernen sich etwas von der Herde, meistens in Begleitung einer engen Freundin, die bei der Geburt dabei bleibt. Danach bleiben Fohlen und Mutter zunächst alleine, erst einige Stunden später gehen sie zur Herde. Das Fohlen wird dann von allen Herdenmitgliedern freudig begrüßt. Zunächst von der Leiststute - die fast immer das erste Fohlen hat, also mit Fohlen bei Fuß begrüßt - dann vom Hengst (Vater) und dann nach hierarchischer Reihenfolge von den anderen Herdenmitgliedern. Das Fohlen kennt zu diesem Zeitpunkt bereits die Grundregel der sozialen Pferdegemeinschaft: das ‚mein-Platz-Dein-Platz-Verhalten', es wächst mit Herdenmitgliedern unterschiedlichen Alters und Geschlechtes auf. Jährlinge und Zweijährige übernehmen dabei Babysitterfunktion. Fohlen messen spielerisch ihre Kräfte und ältere Pferde geben ihnen durch ‚mein-Platz-Dein-Platz' soziale Sicherheit, also Führung. Die Jungstuten werden dann - unbeachtet vom Leithengst - von anderen Hengsten abgeworben und verlassen die Herde.
Erst im Alter von etwa zwei Jahren werden die Junghengste vom Vater an den Rand der Herde gedrängt und schließen sich, wenn sie auf andere abgetriebene Junghengste einer anderen Herde stoßen, freiwillig zu Junggesellenclubs zusammen.

Hauspferde-Haltung in Zuchtbetrieben

Nur wenige Fohlen kennen ihren Vater, können neben ihm in einem intakten Herdenverbund aufwachsen. Die Zuchtstute lebt meistens mit anderen Stuten zusammen in einer relativ stabilen Gruppe, die aber dennoch wechselt, um die ‚Qualität' der Stuten laufend züchterisch zu verbessern. Die Altstuten werden entfernt und wertvolle Töchter bleiben. Die Fohlen verlieren ihre Mütter zu einem Zeitpunkt, zu dem sie als Wildpferdfohlen noch eng mit ihr zusammen wären. Hauspferdefohlen haben somit in der Regel nur Kontakt mit ihrer Mutter, anderen Mutterstuten und deren Fohlen, aber schon nicht mehr mit Jungpferden, andersgeschlechtlichen geschlechtsreifen Pferden und so weiter.
Fazit: selbst in bestens geführten Gestüten werden die natürlichen sozialen Gegebenheiten genauso wenig erfüllt wie im Pensionsstall. Dennoch sorgen in Zuchtbetrieben andere Fohlen für wertvolle Spieleinheiten und ausreichend Mutterstuten für Schutz und Sicherheit der Fohlen.

Aufzucht im Pensionsstall: Stress für die Stute

Hat der Pensionsstall eine Herde mit Pferden unterschiedlichen Alters und Geschlechts ist das schon mal sehr gut. Im Idealfall findet die Stute dort im letzten Trächtigkeitsdrittel eine Stute, die ihr zur Freundin und später die ‚Tante' des Fohlens wird. Die Mutterstute kann Stress bekommen, da sie die einzige mit Fohlen ist und keine Freundin oder gar Leitstute mit einem Fohlen in der Herde lebt. Es sei denn im Herdenverband lebt eine weitere Stute mit Fohlenerfahrung, die sich für die Sicherheit des Nesthäkchens mit verantwortlich zeigt. Ein einzelnes Fohlen in einer Gemischtherde zu beaufsichtigen ist ein 24-Stunden-Job für die Stute: Einen Babysitter, also ein älteres Geschwisterpferd gibt es nicht, und der alte Wallach von Herrn Müller mag den Job vielleicht nicht. Optimale Bedingungen für Stute und Fohlen sind hier nur selten gegeben.

Hackordnung statt natürlichem Spiel


Das ‚mein-Platz-Dein-Platz-Spiel' der Wildpferdeherde ist unter Hauspferden meist zur Hackordnung verkommen, was den normalen Sozialkontakt schwierig gestaltet. Die Tatsache, dass der Herdenverband in einem Pensionsstall -je nachdem wer gerade von seinem Besitzer zum Reiten ‚entfernt' wird -nie stabil ist, macht es auch nicht besser. Kurzum das Fohlen hat eine vermutlich gestresste Mutter, aber keinen Spielkameraden. Für ein Hengstfohlen ist diese Situation schlimmer als für ein Stutfohlen, da sich diese ganz gut anderen Stuten anschließen und geringeren Spieltrieb haben. Fohlen ohne Spielpartner versuchen oftmals, mit dem Menschen zu spielen. Und was bei den Kleinen zunächst ‚lustig' erscheint, entpuppt sich ab einem bestimmten Alter als äußerst unangenehm. So genannte Problempferde sind also oft hausgemacht.

Nur wenige Pferdebesitzer kennen sich mit dem sozialen Umgang in einer Pferdeherde ausreichend aus, um die normalen in einem gesunden Herdenverband ständig durchgeführten Hierarchiespiele mitspielen zu können oder sie zu verstehen. Ein Fohlen, das im Reitstall aufwächst, muss schon früh lernen, allein in der Box zu bleiben, während die Mutter gearbeitet wird. Dies ist ein entsetzlicher Stress für das Kleine. Wird es aber mitgenommen, ist es oft überfordert, körperlich sowie psychisch. Fohlen wollen spielen und das im Schutze der Mutter. Wer ein Fohlen aus seiner Stute ziehen möchte, sollte sich im Vorfeld Gedanken darüber machen, wo der Nachwuchs in den Kindergarten gehen wird.


Text & Fotos: Schneider I Horses In Media

Das ist wichtig für Ihr Fohlen

+ Ideale Herdengröße: zwischen acht und vierzehn Pferde. Je größer der Verbund, umso wichtiger die Führung durch eine kluge, mütterliche Leitstute.
+ Zusammensetzung der Gruppe: möglichst viele Fohlen erfahrene Stuten
+ Kann man das Fohlen in der Herde lassen, während die Mutter geritten wird
+ Sofern eine ‚Tante' da ist, mag das gehen. Dies ist aber individuell zu entscheiden, da Fohlen oft sehr viel Stress haben, wenn die Stute weg ist. Es empfiehlt sich daher häufig, das Fohlen beim Reiten mitzunehmen.
+ Sollte der Absetzer zur Aufzucht in eine Jungpferdeherde
+ Große Flächen, regelmäßige Bewegung im Spiel mit anderen Fohlen sind eine Grundbedingung für das Heranwachsen. Ist das Zuhause nicht gegeben, ist das Pferd in einer Jungpferdeherde bei einem Züchter besser aufgehoben.



Im Idealfall findet die Mutterstute in der Herde eine Stute,
die ihr zur Freundin und die ‚Tante' des Fohlens wird.


Fütterung optimieren
Ernährung kann im Pensionsstall ebenso wie im Gestüt optimiert werden, wobei im Pensionsstall das Weidemanagement in der Regel weniger gut ist, als im Gestüt. Die Mutter braucht hochwertiges Gras. Das Wurmbekämpfungsprogramm in den Betrieben muss konsequent durchgeführt werden und die Weiden hygienisch einwandfrei sein, denn Fohlendärme sind extrem empfindlich gegenüber Würmern.

Fachliche und individuelle Fütterungsberatung:
Firma iWest
I Dr. med. vet. Dorothe Meyer
Tierärztin und Mikrobiologin I 82383 Hohenpeißenberg iwest@iwest.de I www.iwest.de



Im Pensionststall sollte die Stute in Ruhe
gebähren können.