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Unterhalb
der hervortretenden Rippen wölbt sich der Bauch der zwölfjährigen
Vollblutstute nach außen. Ihr Fell ist stumpf und ihre Hufe muss
der Schmied wegen starker Brüchigkeit und schlechtem Wachstum mit
Samthandschuhen behandeln. Für die Lösungsphasen auf dem Reitplatz
benötigt die Fuchsstute einige Extrarunden und der Reiter eine
zusätzliche Portion Geduld. „Vollblüter sind nun mal
schlanker und nervöser als andere Rassen, und da Dragam einen dicken
Bauch hat, ist sie auf keinen Fall zu dünn“, argumentieren
Reiterkollegen, wenn es im heimatlichen Reitstall zu Fütterungs-Diskussionen
kommt. Was für den Fachmann leicht zu erkennen ist, bleibt vielen
Pferdebesitzern verborgen: Dem Pferd fehlt die richtige Ernährung,
die in den meisten Fällen eng mit den Haltungsbedingungen verknüpft
ist.
„Die Stute ist doch den ganzen Tag draußen, wird regelmäßig
geritten und bekommt genügend Futter – ist das nicht schon
mehr, als man tun kann?“
Ist es nicht. Um das Herdentier Pferd, das sich in der Natur andauernd
grasend fortbewegt, artgerecht zu halten und zu ernähren, bedarf
es einiger fachlicher Informationen: Die Ernährungsphysiologie,
die wie andere Wissenschaften auch mit Fakten und Daten Nährstoffe
durch chemisch-analytische Darstellungen ermittelt, wird nicht immer
jedem Tier gerecht: Die besondere Wirkung einzelner Nahrungsmittel auf
das Pferd sowie dessen individueller Stoffwechsel müssen zusätzlich
berücksichtigt werden. Dr. Dorothee Meyer, Gründerin der Tierernährungs-Firma
Iwest, hat sich auf die Ermittlung individueller Fütterungspläne
spezialisiert. „Pferde unterscheiden sich nicht nur in Farbe und
Gebäude, sondern auch in ihren inneren Organen. Aus diesem Grund
können zwei Pferde ganz unterschiedlich auf das selbe Futter reagieren“,
erklärt die Tierärztin.
Haltungsbedingungen optimieren
Der bisherige Speiseplan der Vollblutstute Dragam, die immer wieder
an Koliken und Darmkrämpfen litt, deckte anhand eines ausgefüllten
Fragebogens der Beratungsfirma starke Mängel auf. Ihr ausgewölbter
Bauch, eine Folge von vermehrtem Strohfressen oder ein Hinweis auf vermehrte
Gärungszustände im Darmbereich, war genauso Indikator für
die nicht ausgewogene Ernährung wie ihr Holznagen am Balken oder
Erdefressen auf dem Paddock. Holz und Erde werden als Puffersubstanz
für eine gestörte Darmfunktion verwendet.
Im Sommer sorgen die Weiden für Dragams regelmäßige
Nahrungsaufnahme, im Winter jedoch bleibt sie mit 30 Pferden auf einem
großen Auslauf – den ganzen Tag lang ohne Raufutter. Die
Haltung mit vielen Pferden auf einer großen Fläche, auf der
sie rennen, toben und soziale Rangordnungen klären können,
ist lobenswert, der lange Tag ohne Heu allerdings zu bemängeln.
„Lassen Sie ihr Pferd nicht länger als maximal fünf
Stunden am Stück ohne Heu,“ empfiehlt die Futterexpertin.
„Dieses Raufutter sichert nämlich den Elektrolythaushalt
Ihres Pferdes und hält dessen Darmflora fit. Zudem kann ein Auslauf
ohne Raufutter das unerwünschte Fressen von Erde und Pferdekot
fördern.“ Alternativ können Sie Ihr Pferd mittags zum
Heufressen in die Box bringen oder bringen lassen. Im besten Fall organisieren
Sie sich aber einen eigenen Auslauf, indem Ihr Pferd unentwegt mümmeln
kann. Heu beinhaltet Zellulose und ist deshalb für Pferde viel
leichter zu verdauen als das ligninhaltige Stroh. Bei zu wenig Rohfaser
aus Heu werden Darmmikroben zurückgedrängt. Koliken, lange
Lösungsphasen und Rückenprobleme können die Folgen von
dem dann übermäßigen Strohverzehr sein. Der sogenannte
„Heubauch“ – den Dragam monatelang mit sich herumtrug
– kommt übrigens nicht vom Heu, sondern vom Stroh. Durch
den hohen Energiegehalt macht vermehrte Heuaufnahme vielleicht rund,
aber keineswegs nur dick am Bauch.
Krank durch mangelnde Ernährung
Eine gesunde Ernährung der Test-Stute scheiterte durch den Mangel
an Heu, Biotin und Zink. Der Energie- und verdauliche Rohprotein-Gehalt
in ihrer Kraftfutterration war zu niedrig und bei den Spurenelementen
und Mineralstoffen wurde eine Unterversorgung bei Phosphor, Magnesium,
Eisen, Mangan, Zink, Kupfer, Jod und Selen festgestellt. Der Bedarf
der Freizeitstute an Vitamin E, C, K, B1, B2. B6, B12, Nikotinsäure,
Pantothensäure und Folsäure konnte mit dem alten Futterplan
nicht gedeckt werden. Ein erschreckendes Ergebnis, denkt man doch, sich
gut um sein Pferd gekümmert zu haben. Nur die häufigen Koliken
signalisierten offensichtlich, dass vielleicht doch nicht alles im Lot
ist.
Der neue Diätplan: Hafer pur
Mißtrauisch beäugt von vor Hafer warnenden Reitersleuten,
kostete es vorerst Überwindung, die Stute vom haferfreien Kraftfutter
auf „nur“ zwei Kilo Hafer am Tag umzustellen. Peu a peu
bekam die Stute, die das Getreide genauso gerne verzehrte wie ihr Müsli,
jeden Tag eine kleine Hand Hafer mehr. Nach zwei Wochen war sie komplett
auf ihrem neuen Fütterungs-Kurs und wieder Erwartend wurde sie
weder grell noch hektisch. Täglicher Auslauf mit Artgenossen auf
der Wiese oder dem Paddock und Reiten im Gelände oder in der Bahn
ließen bei der Stute keine überflüssigen Energien aufkommen.
Dragams tägliche Heuration wurde von vier Kilogramm auf acht erhöht
– und diese verputzt sie auch locker. Da im Winter in Dragams
Reitstall Fütterung auf dem Auslauf nicht möglich ist, wird
sie nur von 11.30 bis 16:00 rausgestellt, da ein Pferd nur maximal fünf
Stunden am Stück ohne Raufutter sein sollte. Noch besser wäre
es, wenn Sie vormittags und nachmittags jeweils drei bis vier Stunden
draußen sein könnte und sonst mit Heu in der Box. Optimal
wäre ihre Haltung dann bei ganztägiger Heufütterung auf
dem Auslauf.
Fazit: Langfristig geheilt
Sechs Monate sind vergangen und die Stute krampfte nicht ein einziges
Mal im Darmbereich oder erlitt eine Kolik. „Koliken sind häufig
Ausdruck einer Darmerkrankung und können in 99 Prozent aller Fälle
durch eine Futterumstellung vermieden werden. Durch zuviel schwer verdauliches
Stroh bilden sich dicke Strohknäule im Darm, die, in schweren Fällen,
nur operativ entfernt werden können – eine ausreichende Versorgung
mit Heu ist unabdingbar“, erwähnt Futterberaterin Dr. Meyer
noch mal. Nun kehrte der Sommer ein, Dragam steht zusätzlich auf
Gras und ist rundum fit und gesund. Ihr Fell glänzt, ihre Leistungsbereitschaft
ist gut und energiervoll meistert Sie reiterliche Anforderungen. Nur
ihre Hufe, die noch immer brüchig und trocken sind, benötigen
sechs weitere Monate, um von der Ernährungsumstellung positiv beeinflusst
zu werden – sie müssen einmal ganz rauswachsen.
Die Ernährung, wie bei dieser Stute umzustellen, bedeutet nicht
nur neues Futter zu kaufen oder beim Stallbesitzer zu bestellen, sondern
auch diese Umstellung gegenüber Dritten zu rechtfertigen. Wichtig
ist nicht, was die Nachbarn raten oder vielleicht denken, sondern das,
was ihr Pferd benötigt. Einzig und allein die Gesundheit ihres
Vierbeiners sollte zählen. Domestizierte Pferde sind uns ausgeliefert,
sie können sich nicht selbst ernähren. Somit sollte jeder
Pferdebesitzer verantwortlich mit seinem Tier umgehen, es artgerecht
bewegen, halten und füttern.
Rika Schneider
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Text
& Fotos: Schneider
I Horses
In Media
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Der
Patient (hier vor der Futterumstzellung):
Alter: 12 Jahre
Rasse: Englisches Vollblut
Geschlecht: Stute
Gewicht: 458 Kilogramm
Belastung: allgemeiner Einsatz, mittlere Belastung
Tagesmenü vorher
/ nachher
Vorher: Futterplan pro Tag
Stroh als Einstreu
Wiesenheu 1. Schnitt: 3 bis 4 Kilogramm haferfreies Karftfutter
(Dinkel, Gerste, Mais, Zuckerrübenmelasse etc.) 1,15 Kilogramm
Kräuter-Müsli: 560 Gramm
Nachher: Futterplan pro Tag
Wiesenheu 1. Schnitt 8 Kilo
Hafer 2,5 Kilo
Magnolythe S100 50 Gramm
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Die
Vollblutstute ein halbes Jahr
nach der Futterumstellung
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Fachliche und
individuelle Fütterungsberatung:
Firma iWest
I
Dr. med. vet. Dorothe Meyer
Tierärztin und Mikrobiologin
I 82383
Hohenpeißenberg
iwest@iwest.de
I www.iwest.de
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Tipps
zur Durchführung
Was tun, wenn der Stallbesitzer nicht mitmachen will?
Acht Kilo Heu sind in ihrer Stallmiete nicht enthalten? Fragen
Sie Ihren Stall-Betreiber, ob er gegen Aufpreis mehr füttern
würde.
Erklärt der Inhaber sich nicht bereit dazu, kann er
ihnen vielleicht einen Lagerplatz zur Verfügung stellen. Hier
können Sie Ihr selbst erworbenes Heu lagern.
Bereiten Sie ein Heunetz vor, das der Futtermeister morgens
oder abends bloß in die Box hängen muss.
Wichtig: Ihr Pferd sollte nicht länger als vier bis
fünf Stunden ohne Raufutter auf dem Auslauf stehen. Stellen
sie also vor allen in der Wintersaison sicher, dass Ihr Pferd Heu
auf dem Paddock erhält oder wieder rechtzeitig in die Box kommt.
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Tipps
zur Futterreduzierung während der Weidezeit: Ziehen
Sie der Futterration Ihres Pferdes 300 Gramm Hafer und 500 Gramm
Heu pro Weidestunde ab. So vermeiden Sie Überfütterung.
Tipp Kot-Kontrolle:
Gut: dunkelgrüne Pferdeäpfel.
Schlecht: braungelber Pferdekot (zu wenig Heu). Zur Weidesaison
funktioniert diese Kontrolle allerdings nicht: Schon geringe Mengen
Gras färben die Pferdeäpfel grün.
Tipps zur Heuwahl: Das Heu sollte blattreich,
hygienisch einwandfrei und Mitte bis Ende der Blüte geschnitten
werden. Wegen seinem hohen Ligninanteil sollte weit nach der Blüte
geschnittenes Heu gemieden werden.
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