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In unserer Welt können
Pferde nicht entscheiden, was ihnen gut tut. Sie können uns nicht mitteilen
und deshalb liegt es in unserer Pflicht, nach bestem Wissen und Gewissen
für das Tier zu sorgen. Und dieses Gewissen ist individuell unterschiedlich
und meist von den persönlichen Bedürfnissen des Besitzers geprägt. ‚Hengsthaltung
- ja oder nein' - hier Streiten sich oft die Gemüter. Um Pferden ihr
Leben lebenswerten zu gestalten, als Hengst oder Wallach, geben Pferdekenner
Denkanstöße und fachliche Insights.
Der kleine Skippi wurde auf
der eigenen Wiese geboren und von da an führsorglich umsorgt. Mit zehn
Monaten kam der Junghengst in eine kleine Wallachherde. Kumpels zum
Spielen hatte er, um Sozialverhalten zu entwicklen. Da er immer brav
war, blieb er Hengst, auch wenn Besitzerin Manuela klar war, dass er
in Zukunft als Freizeit- und nicht als Zuchtpferd eingesetzt wird. "Solange
er so brav ist, lasse ich ihn nicht legen, es muss ja nicht umsonst
an ihm rumgeschnipselt werden", erklärt die Münchnerin ihren Entschluss.
Dreijährig gibt sie ihn zum Anreiten in Beritt zu Jungpferdeausbilder
Bernd Hackl. Als sie Skippi auf dem Hof des Ausbilders auslädt, führt
er sich plötzlich hengstig auf. "Ich war total erschrocken! Das hat
er noch nie gemacht", erklärt die Pferdebesitzerin und übergibt das
Führseil dem erfahrenen Trainer.
Wenn der ‚Kleine' groß
wird
"So wie Manuela geht es nicht wenigen Reitern, die mir Hengste in Beritt
geben", erklärt der Süddeutsche. "Das erste Mal weg vom heimischen Stall,
indem vielleicht gar keine Stuten stehen, und der Jungspund riecht plötzlich
die große weite Welt: inklusive Stuten. Ihn dann richtig und vor allem
artgerecht zu handeln und ihm eine solide Basis mit auf den Weg zu geben,
ist für viele dann oft schwierig". Bernd Hackl rät der Reiterin, den
Hengst - wenn er ohnehin nicht zur Zucht eingesetzt werden soll - kastrieren
zu lassen. "Nein, wenn er sich lieb unterm Sattel entwickelt, dann darf
er Hengst bleiben", so die Besitzerin. Ob man dem Tier damit einen Gefallen
tut, ist die Frage. "Wieso erst warten, bis das Pferd einem über den
Kopf wächst, man selber und das Tier Stress hat und es dann legen lassen?
Ein netter Hengst, der brav ist, sollte man genau dann legen lassen,
damit er auch als Wallach so nett und kooperativ bleibt. Zudem kann
er dann mit anderen Pferden zusammen laufen kann und ein ausgeglichenes,
zuverlässiges Reitpferd sein", erklärt der Ausbilder. Im Fall von Skippi
entscheidet sich die Besitzerin im Laufe der Ausbildungszeit dafür,
ihren "Er ist ein tolles Pferd, steht mit Stuten und Wallachen den ganzen
Tag auf der Weide und genießt das Pferdeleben. Ich nehme ihn problemlos
überall mit hin und er hat nichts von seinem Charme verloren."
Vorsicht, das ist ein
Hengst!
"Grundsätzlich ist ein Hengst ein Pferd wie jedes andere auch", erklärt
Bernd Hackl. Manchen Leuten oder Praktikanten kann man einen braven
Hengst an die Hand geben - ohne das sie das wissen. Problemlos, selbstsicher
und entspannt. Sagt man ihnen beim nächsten mal ‚für mal den Hengst
in die Box' ist plötzlich Anspannung da! Das Pferd merkt dies sofort.
Allein das Wort ‚Hengst' löst in manchen Menschen Angst aus und sie
werden panisch. Ein Hengst ist in erster Linie ein Pferd und man kann
viel hinein projezieren. Es sind keine Bestien, aber ihre Instinkte
sind sehr ausgeprägt. Sie sind oft schärfer und es ist vor allem für
den Laien, oft schwieriger die Pferde richtige einzuschätzen", erzählt
Hackl. Züchterin Petra Roth-Leckebusch erinnert sich da an einen Vorfall:
"Wir haben zwei Hengste und jeder weiß, wer wo im Stall steht und meine
Töchter reiten beide problemlos in der Halle oder auf dem Reitplatz.
Es war keine Decksaison, meine Töchter ritten die Hengste in der Halle.
Sie unterhielten sich dann und standen einige Meter, vielleicht zwei,
drei, von einander entfernt. Die Pferde waren fast im Schlafmodus, entspannte
ließen sie die Köpfe hängen. Meine Töchter haben mit diesen zwei Hengsten
schon hunderte Male so nebeneinander gestanden und gequatscht. Einer
der beiden, setzte ein Vorderbein, fast unmerklich schleichend, nur
einen winzig kleinen Schritt, nach vorne. Ich sagte noch, passt auf
mit den beiden Jungs", erinnert sich die Züchterin aus dem Oberbergischen.
"Innerhalb von einer Sekunde sprang der Hengst auf den anderen los und
biss meiner Tochter in den Oberschenkel". Dies war ein Augenöffner für
Roth-Leckebusch, was das Verhalten von Hengsten angeht. "Reithengste
muss man vielleicht nicht härter anfassen, man muss sich aber deren
ausgeprägten Verhalten bewusst sein und dieses lesen und handeln können.
Ein guter Hengst wird
ein guter Wallach
Grundsätzlich sollten, schon der artgerechten Haltung wegen, nur Pferde
als Hengste behalten, mit denen man auch züchtet", so die Meinung der
Züchterin. "Jeder gute Hengst gibt einen guten Wallach ab, vom Ex- und
Interieur. Ist der Hengst vom Gebäude oder vom Wesen her nicht besonders
harmonisch, so wird er dies auch als Wallach nicht werden", erklärt
die Hofbesitzerin, die nur jedes tausendste Hengstfohlen als Zuchthengst
lassen würde. Fast alle der Junghengste hätten das Potenzial für einen
Zuchthengst, doch werden so viele einfach nicht benötigt. Und verkaufen
möchte Roth-Leckbusch gute Reitpferde, die ein problemloses Leben haben
können und für den Reiter zuverlässig werden. Gute Wallach sind sinnvoll
für den ambitionierten Freizeitreiter - auch für den mit hohen Anspruch.
Jeder guter Junghengst wird auch ein guter Wallach.
Sind Hengste leistungsstärker?
"Hengste sind nicht grundsätzlich leistungsstärker als Stuten oder Wallache.
Im Rennsport zum Beispiel, sind es häufig Stuten, die siegen", zeigt
die Züchterin auf. "Der Hengst ist schneller abgelenkt, wirft auf der
Bahn einen Blick zur Seite, um seinen Rivalen zu sehen und schon hat
einen Sekunde an Tempo verloren. Die Stute zieht hingegen unbeirrt durch.
Auch im Springsport sind viele Stuten mit an der Spitze. Wer Junghengste
untereinander spielen sieht oder einmal Hengste im Kampf gesehen hat,
der weiß, dass ein Hengst einfach viel mehr ‚einstecken' kann. Er hat
eine hohe Schmerzschwelle, vor allem, wenn er im Trieb steht, also im
Frühling. Bernd Hackl beleuchtet die Trainingsseite: "Wallache sind
meistens viel sensibler als Hengste und deshalb schon für viele Reiter
besser geeignet. Hengste fragen öfter noch mal nach und ein leichtes
Klopfen an einem ihrer Körperstellen, bedeutet vielleicht nicht viel
für sie. Klares, konsequentes Umgehen und genau wissen was man möchte,
ist beim Umgang mit Hengsten notwendig und nicht jeder in der Freizeit
reitende bringt das tägliche Know How und Erfahrung mit Hengsten mit.
"Hengste, die schwierig im Umgang werden und dann bei mir als so genannte
Problempferde landen, haben ihr Verhalten meist durch nicht adäquate
Handhabe erworben oder aber durch nicht artgerechte Aufzucht entwickelt.
Viele Junghengste werden zu früh isoliert, oft schon als Jährlinge oder
Zweijährige alleine gehalten, ohne echte Spielpartner. Viele werden
aggressiv, weil sie nie Kontakt zu anderen Pferden hatten und auch nicht
gelernt haben, sich unterzuordnen. Pferde müssen spielen und raufen
können ihre Grenzen und die anderer kennen lernen - auch Hengste!",
betont der Ausbilder.
Im Frühling hört der
Spaß auf
Züchterin Roth-Leckbusch ist eine der wenigen in Deutschland, die Deckhengste
in Kombination mit anderen Pferden hält. Im Winter steht immer ein Hengst
in einer Gruppe von Wallachen. Bei meinen fünf Zuchthengsten ändert
sich das dann aber, wenn die Decksaison beginnt. Dann hört der Spaß
bei den Hengsten auf. Einer meiner Hengste läuft auf der großen Wiese
mit den Stuten mit, doch Sichtkontakt zu anderen Hengsten muss dann
unbedingt gemieden werden", erzählt die Hofinhaberin. Viele Geschichten
über Hengste, die ‚plötzlich' in der Wallachherde aggressiv werden,
entstehen dadurch, dass es vielleicht Frühling wird und zwei Wiesen
weiter eine Stute steht. Dies kann ausreichen, um aus dem braven Hengst
in der Wallachherde einen aggressiven Macho zu machen. Dabei tut er
nur das, wo Mutter Natur ihn für geschaffen hat. "Hengste können sich
umbringen - in der Natur und auch hier, wenn wir nicht fachgerecht mit
ihnen umgehen. Da geht man dann auch nicht mehr einfach dazwischen dun
trennt die Pferde. Mal eben hinterm Haus züchten und dann den Hengst
in eine zu kleine Wiese mit anderen Wallachen stopfen und dann noch
mit Sicht zu anderen Stuten - dies kann sehr gefährlich sein, für die
anderen Pferde, aber auch für die Menschen", warnt die Züchterin, die
seit 30 Jahren erfolgreich den Zuchtbetrieb leitet. "Ein Hengst ist
für jemanden, der züchten will."
Was ein Deckhengst können
muss
Ein Deckhengst muss deutlich die Zucht verbessern und unter die obersten
Prozent fallen, von Exterieur und Interieur her. Von tausend Hengstfohlen,
die hier geboren werden, braucht bloß einer in die Zucht gehen. Mehr
Hengste benötigt man einfach nicht. Unter dem Rest können zahlreiche
Junghengste sein, die die Qualität für einen Zuchthengst hätten, aber
man sollte nur so viele Hengste halten, wie man auch sinnvoll für die
Zucht einsetzten kann. Aus jedem dieser guten Junghengste werden bei
uns gute Wallache. Viele Leute denken wenn man dem Hengst die Männlichkeit
nimmt, bleibt ein schlechteres Pferd übrig. Das ist aber ganz und gar
nicht der Fall: Ein guter Hengst wird ein guter Wallach." Kastrierte
Hengste können in der Gruppe artgerecht aufwachsen und ihnen steht in
der Welt der Freizeitreiter ein glücklicheres und oft stressfreieres
Leben bevor.
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Fotos: Guni

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