Wenn das Pferd zum Stressfaktor wird

Arbeiten, Einkaufen, die Familie versorgen, mit dem Hund zum Tierarzt, noch schnell beim Schuster und der Post vorbei hechten, um noch vor dem Dunkeln das Pferd von der Weide zu holen. Nach dem Stallbesuch wartet noch die Wäsche und der Abwasch - Feierabend ist nicht in Sicht. Wer von morgens bis abends hetzen muss und sein Hobby - was eigentlich zur Entspannung begonnen wurde - nicht genießen kann, sollte einmal innehalten und sein Leben überdenken. Stressexpertin Dr. med. Barbara Hochstrasser gibt Tipps für einen entspannten Reiter-Alltag.

Positiver und negativer Stress

Körperlich gesehen ist Stress ein Warnsystem: Bei einer Bedrohung reagiert der menschliche Körper entweder mit Kampf- oder Fluchtverhalten. Damit er zum Beispiel auch flüchten kann, schüttet er Adrenalin und das Stresshormon Cortisol aus. Der Mensch wird wach, seine Wahrnehmung verschärft sich, der Blutdruck erhöht sich, der Puls wird schneller, die Darmtätigkeit minimiert und die Atmung rast nun oberflächlich. Nun kann er Flüchten. Durch diese Stresssituation, die die Fähigkeiten des Einzelnen verdoppeln kann, wird auch das Immunsystem verbessert. Doch jede Gefahr oder auch jede Prüfung ist auch wieder vorüber und der Körper kann sich von der Anspannung wieder erholen: Das Cortisol wird verringert, der Magen-Darmtrakt kann wieder arbeiten, Puls und Atmung beruhigen sich. Diese Ruhepausen sind enorm wichtig für den Körper. Stress in einem normalen Rahmen ist also gesund. Krank macht er nur dann, wenn der Mensch nicht mehr runterkommt, wenn seine körperlichen Ressourcen nicht mehr den Anforderungen gerecht werden können. Hält Stress lange an - was oft über Jahre der Fall ist - und findet keine Entspannung zum Beispiel an Wochenenden statt, kann es zu einem Burnout kommen. Schon die kleinsten Anzeichen lassen den Menschen aus der Haut fahren, er ist erschöpft, extrem gereizt, zynisch und nicht mehr belastbar. Im Reitstall kann das mit Anschreien des Pferdes und unsachgemäßer, grober Handhabe des Tieres einhergehen. Verständnis für das Wesen Pferd und dessen Verhalten kann oft nicht mehr aufgebracht werden. Häufigste Folge von lang anhaltenden Stress: ein Zusammenbruch.

Stresssymptome:
1. Psychisch: Sie sind erschöpft, gereizt und brechen schnell in Tränen aus.
2. Körperlich: Sie sind müde, kleine Anforderungen scheinen Ihnen groß wie Berge, Sie haben Schlaf- und Verdauungsstörungen sowie Kopfdruck, sind verspannt, können im Sport keine Leistung mehr bringen, weisen hohen Blutdruck auf, schwitzen stark oder sind lang anhaltend erkältet.
3. Motivations-Symptome: Konzentrationsmangel, Hyperaktivität, Probleme sich zu motivieren oder sich mit Dritten unterhalten zu können Stress kann sich in kurzer Zeit aber auch über Jahre hinweg in verschiedenen Entwicklungsphasen entwickeln. Festigen sich diese Symptome, kann es zu einem Burnout kommen, bei dem der Betroffene absolut arbeitsunfähig wird und Stress zur Krankheit wird. Depressionen gehen oft mit dem letzten Stadium einher. Früher waren es Dienstleitungsberufe wie Ärzte oder Lehrer, die zu Stress neigten, heute sind alle Bereiche davon betroffen, von der Hausfrau über den Altenpfleger bis hin zum Manager.

Stress im Stall-Alltag

Das Pferd kann zum Stressfaktor werden, wenn die Anzahl der Tätigkeiten am Tag den Zeitrahmen des Pferdebesitzers einfach übersteigen. Ängstliche Reiter, die sich dessen nicht bewusst sind, neigen dazu, sich im Stallalltag gestresst zu fühlen, da sie den einzelnen Situationen mit dem Pferd nicht gewachsen sind. Auch der gute und ambitionierte Reiter, der regelmäßig trainiert, um im Turnier erfolgreich zu sein, kann sich unbewusst unter Druck setzen: Sind seine Ansprüche, im Turnier zu siegen höher als seine Fähigkeiten, sorgt das für innerlichen Stress.
Um solche unbewussten Faktoren zu erkennen, können Sie sich folgende Fragen stellen:

1. Wozu reite ich? Um mich im Wettbewerb zu messen oder um einen erholsamen Ausgleich zum Beruf zu haben?
2. Kann ich ein Pferd überhaupt zeitlich in meinen Alltag integrieren und ihm die nötige Aufmerksamkeit schenken?
3. Ist die Situation in dem Stall oder mit Reitbeteiligungen entspannt oder andauernd nervenaufreibend?
4. Fühle ich mich im Reitunterricht vom Lehrer unter- oder überfordert? Habe ich Spaß, wenn ich im Stall bin?
5. Wenn ich nach Leistung reite, macht mir die Turnierprüfung Freude und fühle ich mich bei dem Turnierstress unwohl?
6. Kann ich gut runterschalten oder drehen sich meine Gedanken immer weiter und wie fühlt sich mein Körper dabei an?
7. Kann ich mich in den normalen Zeiten, zum Beispiel am Wochenende, von dem Stress in der Woche vollständig erholen?
8. Habe ich innerlichen Druck, weil ich finanzielle Sorgen habe (Stallkosten, Tierarzt)? Ist die Verantwortung, sich um ein Lebewesen zu kümmern, zu groß?

Wenn Sie sich all die oben genannten Punkte bewusst machen und erst einmal beobachten, wo sie und wodurch sie gestresst sind, heißt es eine Lösung dafür zu finden. Ein Pferd, vor allem wenn es in einem Selbstversorgerstall steht, ist ein enormer Zeitaufwand. Um diesen zu minimieren ist es vielleicht sinnvoll sich einen Zeitplan zu erstellen: Schaffen Sie sich für Ihr Hobby Pferd eine entsprechende Zeitlücke - die Kinder sind versorgt, die Arbeiten erledigt und beim Pferd sein bedeutet, sich um nichts anderes kümmern zu müssen. Viele stark berufstätige Reiter gehen morgens früh vor der Arbeit reiten, um am Abend nicht in Gewissenskonflikte zu geraten. Eine Reitbeteiligung, die Ihre beruflich angespannten Tage im Stall übernimmt kann eine große Entlastung sein. Auch bei finanziellem Druck kann eine Reitbeteiligung, die einige Kosten übernimmt, ein Lösungsansatz sein.

Setzen Sie sich wirklich einmal hin, nehmen Sie Papier und Bleistift zur Hand und beantworten Sie die oben genannten Fragen.
Wer oder was stört sie im Stall-Alltag? Kommen Sie mit einigen Einstallern oder sogar mit dem Hofinhaber so schlecht aus und finden Sie dort keine Gesprächsebene mehr, dann sollten Sie vielleicht in Erwägung ziehen, den Stall zu wechseln. Auch wenn ein neuer Reitstall etwas teurer ist, vielleicht reduziert sich ihr täglicher Stresslevel aber dabei um mehr als die Hälfte. Vollpension bedeutet auch, nicht mehr täglich misten und reinholen zu müssen. Sie könnten also ruhig mal ein, zwei Stunden länger arbeiten oder auch mal gar nicht in den Stall kommen, anstatt im Büro auf heißen Kohlen zu sitzen. Ein Reitstall, wo man seine Pferde wohl untergebracht weiß, nimmt mehr Druck als sich manch einer vielleicht ausmalt. Aber nicht alle Dinge sind mit einer höheren Stallmiete oder Geld zu organisieren.
Um innere Ruhe zu finden müssen Sie sich selbst besser kennen lernen. Finden Sie heraus, was Ihre Bedürfnisse sind, was Ihnen fehlt und was zuviel ist. Eine Zeiteinteilung, ein klaren Plan kann ihr Leben entspannter und lebenswerter gestalten. Binden Sie Ihre Familie mit ein, denn schließlich hat Ihr Zustand auch auf die Zwischenmenschlichen Beziehungen enormen Einfluss. Auch das Pferd, das auf ihre innere Einstellung sofort reagiert, wird es Ihnen danken und freudiger bei der Sache sein. Denn wenn Sie entspannt sind, kann auch ihr Pferd losgelassen sein. Um den Alltag stressfrei in den Griff zu bekommen, können Ihnen folgende Punkte helfen:

- Stecken Sie Ihre Ziele beim Sportreiten realistisch und versuchen Sie, unnötigen zu vermeiden.
- Wenn es Konflikte im Stall gibt, mit dem Hofinhabern, anderen Einstallern, Trainern oder Reitbeteiligungen sollten diese angesprochen und aus dem Weg geräumt werden.
- Machen Sie regelmäßig Entspannungsübungen
- nach dem Aufstehen oder vor dem Schlafengehen. Massagen oder Kurse in Yoga, Chi Gong, Thai Chi, Autogenes Training, Feldenkrais oder Mentaltraining sind eine wunderbare Quelle, um innere Ruhe zu finden.

Dieser Artikel erschien in derschweizer Fachzeitung Kavallo!

 

 

 


Text & Fotos: Rika Schneider I Horses In Media

Streifen Sie den Stress am Hoftor ab - Ihr Pferd, Ihre Familie und Ihre Gesundheit werden es Ihnen danken.

Dr. med. Barbara Hochstrasser Fachärztin FMH für Psychiatrie
und Psychotherapie

Als leidenschaftliche Reiterin weiß die Chefärztin der Privatklinik Meiringen genau, wie viel Verantwortung Reiter für ihre Pferde tragen und wie viel Zeit sie in ihr vierbeiniges Hobby investieren. Die 52-jährige Brienzerin beschäftigt sich seit drei Jahren intensiv mit Depressionen und Burnout an der Fachklinik. Die Psychologin, für die Reiten und die Versorgung ihrer zwei Vollblutaraber Entspannung bedeutet, weiß aus eigener Erfahrung, dass es sehr schwierig ist, den eigenen Reitanforderungen gerecht zu werden, wenn man ausgelaugt und müde ist. Hier ist es wichtig, sich selber kennen zulernen, um den nötigen Ausgleich zu finden. Anhängend an die Klinik hat Hochstrasser eine Klinik für Reittherapie gegründet, in der Patienten durch den Kontakt mit Pferden zu mehr innerer Ruhe und Selbsterkenntnissen kommen.

Infos: Privatklinik Meiringen
Postfach 612 I 3860 Meiringen
Tel. +41/33/9728560
Fax +41/33/9728562 barbara.hochstrasser@pm-klinik.ch www.pm-klinik.ch


Dr. Hochstrasser und ihre
Vollblutaraber Gitana und Najib

 


Wenn zuviel Stallarbeit Sie einschränkt, sollten Sie
über einen Stall mit Vollpension nachdenken.