Stress, der Pferde krank macht

Ärger im Job, Streit mit dem Nachbarn, Geldsorgen oder Zeitmangel - um Stress im Körper zu kompensieren raucht der Mensch, kaut an den Nägeln, schläft schlecht, ist zu viel oder zu wenig, bekommt Pickel oder wird krank. Pferden geht es unter Stress nicht anders: Anstatt zu rauchen koppen sie, werden hektisch oder bekommen Magengeschwüre. Woran man erkennt, dass ein Pferd Stress hat, welche Krankheiten er verursacht und wie man ihn vermeidet, erläutert Ihnen Fütterungsexpertin und Tierärztin Dr. Dorothee Meyer.

Um zu verstehen, warum ein Pferd Stress empfinden kann, muss man sich seine angeborenen Instinkte und Bedürfnisse einmal genauer ansehen: Das Wesen des Pferdes ist darauf ausgerichtet, in einer Herde zu leben. Hier frisst es über viele Stunden des Tages hinweg Gras und achtet als Beutetier gleichzeitig auf eventuell annähernde Raubtiere. "Unser heutiges Hauspferd allerdings ist in Sicherheit. Es ist kein Beutetier mehr, sein gesamtes Lebensgefühl wird verändert", erläutert Dr. Meyer.
"Wir nehmen den Stuten ihre jungen Fohlen weg, sperren die Fluchttiere, die sich normalerweise unentwegt fortbewegen, für viele Stunden in Boxen und wenn sie auf die Koppel gehen, so müssen sie das oft ohne Begleitung von Artgenossen tun. Wir füttern sie unnatürlich, injizieren ihnen Impfstoffe und ändern nach unserem Belieben ihr Zuhause, ihren Besitzer oder trennen Sie von ihren vertrauten Freunden. Wir legen Pferden Sättel und Trensen an, setzen unausbalancierte Gewichte auf ihren Rücken und erwarten, dass sie innerhalb weniger Wochen damit zurechtkommen", erinnert die Fachtierärztin. Diese Fakten zeigen, wie wichtig es ist, behutsam mit dem Lebewesen Pferd umzugehen, denn psychische Schäden, die durch so einen von Menschen gemachten Stress entstehen, sollten unbedingt vermieden werden.

Stress als Körperreaktion
Herzschlag und Blutdruck erhöhen sich, die Durchblutung der Muskulatur wird gesteigert, der Blutzuckerspiegel steigt, die Hirnwellentätigkeit ändert sich, Gehör- und Sehvermögen werden schärfer, die Bronchien werden erweitert, kurzum im Körper werden alle Systeme gestärkt, die für eine Flucht benötigt werden. Umgekehrt werden gleichzeitig alle Erneuerungs- und Wachstumsprozesse durch die Adrenalinausschüttung gehemmt, denn für diese darf in Gefahr natürlich keine Energie geopfert werden. Am Stressgeschehen beteiligt sind sowohl das zentrale Nervensystem, wie auch das periphere Nervensystem und neben den über Nervenleitungen ablaufenden Vorgänge, führt Stress auch zu einschneidenden hormonellen Reaktionen im Körper, die wiederum massive Auswirkungen auf den gesamten Stoffwechsel, die Fortpflanzung, das Immunsystem, wie auch die Lernfähigkeit haben.

Bei der Stressreaktion lassen sich verschiedene Phasen unterscheiden:
1. Alarmphase (Erkennen der Bedrohung, Mobilisierung der Kräfte),
2. Widerstandphase (Gegenreaktion des Körpers)
3. die Anpassungs- beziehungsweise Erschöpfungsphase.
Letztere kann bei andauerndem Stress zu schweren Erkrankungen bis hin zum Tod führen.

Positive Auswirkungen von Stress
Man kann zwischen zwei Stressformen unterscheiden: Eustress ist für uns und unsere Tiere überlebenswichtig, Distress dagegen ist negativ für unsere Gesundheit. Eustress erlebt man zum Beispiel, wenn man sich verliebt hat. Das Telefon klingelt und schon bekommt man Herzklopfen. Langanhaltender Distress allerdings macht krank, körperlich und/oder psychisch. Pferde zeigen das in Symptomen wie zum Beispiel Koppen, Weben, Boxenlaufen, übersteigerter Aggression unterm Sattel oder an der Hand.
Stressreaktionen sind also einerseits geeignet, ein Lebewesen vor äußeren und inneren Gefahren zu schützen, bergen aber auch das Risiko, bei andauernder, überfordernder Belastung Schäden zu verursachen.

Dauerstress
Durch eine Aktivierung des Hypothalamus-Hypohysen-Nebennierenrindensystem bei länger anhaltendem Stress, schüttet die Nebennierenrinde vermehrt Cortisol aus. Der Stoffwechsel wird verändert, es kommt zu einer (längerfristigen) Erhöhung des Blutzuckerspiegels, Mobilisation von Körperfett und damit erhöhtes Blutfett (Triglyceride im Blut). Gleichzeitig wird Körpereiweiß abgebaut, der Gesamtstoffwechsel ändert sein Programm: von aufbauend zu abbauend, an die Reserven gehend. Wachstum wird ebenso wie Fortpflanzung und das Abwehrsystem gegenüber Infektionen zumindest vorübergehend unterdrückt, denn der Körper konzentriert alles auf den Notfall und reduziert sich selbst, um alle Kräfte zu bündeln und dem Stressor irgendwann zu entkommen. Es kommt auch zu einer vermehrten Einsparung an Natrium und Wasser sowie zur Freisetzung von Calcium.
Das Ganze ist für ein oder zwei Tage durchaus vertretbar und prinzipiell eine vernünftige Körperreaktion: Nur auf Dauer ist vermehrte Cortisonausschüttung verheerend, denn das gesamte Abwehrsystem wird geschwächt, der Körper verliert seinen Schutz gegenüber Keimen und speziell die Lungen eines im Dauerstress befindlichen Pferdes sind entsprechend besonders gefährdet.

Stress, der auf den Magen schlägt
Moderne Pferdehaltung zeichnet sich fast immer durch wohl gepflegte Boxen mit Schiebetüren und Gitterstäben in den oberen Hälften zu beiden Seiten einer langen Stallgasse. Damit sind die Pferde voneinander isoliert und sind möglicherweise sogar gezwungen, neben einem anderen Pferd auszuharren, mit dem sie sich nicht gut verstehen. Im Interesse ihres "Ruhebedürfnisses" gibt es in den meisten Ställen so gut wie keinerlei Anregungen für sie.
Der Lebensraum ist klinisch rein, die Pferde werden geputzt, gepflegt, gewaschen und betüttelt. Nur ist das der für Pferde wirklich geeignete Lebensraum? Manche Pferde haben eine Box mit Paddock, zumindest wird ihnen damit schon etwas mehr Anregung von außen geboten. Zwar kommen die meisten Pferde, auch Turnierpferde, heute auf Koppeln, aber nur allzu oft - aus Sorge vor der Verletzungsgefahr - allein. Für das Herdentier Pferd muss Isolation Stress bedeuten. Pferde wollen sich berühren, miteinander agieren und sich frei bewegen können, nicht nur eine Stunde am Tag mit uns Menschen "arbeiten".

Fütterung - Magengeschwüre
Unsere Sportpferde werden in der Regel dreimal oder sogar nur zweimal am Tag mit Kraftfutter gefüttert und bekommen immer noch allzu oft nur einmal oder zweimal am Tag Heu und stehen auf Einstreu anstelle von Stroh. Kein Wunder, wenn Magengeschwüre für Sport- und Rennpferde schon fast zur Normalität gehören.
Der Pferdemagen ist auf ständige Aufnahme rohfaserreicher Nahrung ausgerichtet. 18 Stunden und mehr sind am Tag für Nahrungsaufnahme vorgesehen und entsprechend wird im Pferdemagen ständig Magensäure gebildet. Und da der Pferdemagen zweigeteilt ist, in einen drüsenlosen Teil und einen mit Drüsen besetzten Teil, in dem die Magensäure gebildet wird, fließt bei leerem Magen notgedrungen Magensaft aus dem Drüsenteil in den empfindlichen drüsenlosen Teil zurück. Stress führt zu einer erhöhten Sekretion im Verdauungstrakt, die übermäßige Produktion von Magensaft - eventuell noch kombiniert mit getreidereicher und raufutterarmer Fütterung - führt dann unausweichlich zu den bekannten Problemen: fast 90 Prozent der Turnierpferde und der Rennpferde haben Magengeschwüre.

Falsches Training macht krank
Überforderung - sei es körperlich oder geistig -ist leider nur allzu häufige Realität. Und nach wie vor haben wir Menschen immer noch das Dominanzmodell vor Augen, wenn wir mit Pferden arbeiten. Wie oft hören wir nach wie vor von Ausbildern: "der will nur nicht, setz Dich doch mal durch!" Artgerechte Ausbildung sollte deshalb immer oberstes Ziel sein. Stress in der Herde Darf ein Pferd nicht an die Raufe auf dem Auslauf, bekommt nicht genügend zu fressen, hat nicht genug Platz auf der Weide, um ranghöheren Tieren zu entkommen oder wird es gar von der Herde verstoßen, steht es unter enormen Druck. Dies kann sich in einem schlechten Futterzustand zeigen, rippige Figur oder eingefallene Flanken, oder im Verhalten. Aggressivität, Widerwilligkeit wären da beispielhaft.
Darf ein Pferd tagsüber in der Herde nicht fressen und bekommt so nur morgens und abends Futter, ist das für das Tier schon ein Zustand von Dauerstress. So ein Pferd sollte nachts ungestört sein Heu fressen können, ein engmaschiges Heunetz hat sich zusätzlich als nützlich erwiesen: die Tiere fressen sehr lange daran und sind beschäftigt.

Kurzum: der Mensch ist dafür verantwortlich, das Pferd bei gut durch dachten Haltungsbedingen so zu unterstützen, dass es seine mentalen und körperlichen Bedürfnisse so best es geht befriedigen kann.

 


Text & Fotos: Schneider I Horses In Media
Ausgelichen und zufrieden: Sozialer Kontakt ist
wichtig für die Gesundheit unserer Reitpferde

Fachliche und individuelle Fütterungsberatung:
Firma iWest
I Dr. med. vet. Dorothe Meyer I Tierärztin und Mikrobiologin 82383 Hohenpeißenberg iwest@iwest.de I www.iwest.de



Stress fürs Herdentier: Isoliert gehalten ohne
wirklichen sozialen Kontakt zu Artgenossen.


Dauerstress im Training kann Krankheiten wie Magengeschwüre verursachen.


Hat man Angst vor Verletzungen in der Herde,
ist eine Haltung zu zweit immer noch
besser als eine alleine.