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Um zu verstehen, warum ein
Pferd Stress empfinden kann, muss man sich seine angeborenen Instinkte
und Bedürfnisse einmal genauer ansehen: Das Wesen des Pferdes ist darauf
ausgerichtet, in einer Herde zu leben. Hier frisst es über viele Stunden
des Tages hinweg Gras und achtet als Beutetier gleichzeitig auf eventuell
annähernde Raubtiere. "Unser heutiges Hauspferd allerdings ist in Sicherheit.
Es ist kein Beutetier mehr, sein gesamtes Lebensgefühl wird verändert",
erläutert Dr. Meyer.
"Wir nehmen den Stuten ihre jungen Fohlen weg, sperren die Fluchttiere,
die sich normalerweise unentwegt fortbewegen, für viele Stunden in Boxen
und wenn sie auf die Koppel gehen, so müssen sie das oft ohne Begleitung
von Artgenossen tun. Wir füttern sie unnatürlich, injizieren ihnen Impfstoffe
und ändern nach unserem Belieben ihr Zuhause, ihren Besitzer oder trennen
Sie von ihren vertrauten Freunden. Wir legen Pferden Sättel und Trensen
an, setzen unausbalancierte Gewichte auf ihren Rücken und erwarten,
dass sie innerhalb weniger Wochen damit zurechtkommen", erinnert die
Fachtierärztin. Diese Fakten zeigen, wie wichtig es ist, behutsam mit
dem Lebewesen Pferd umzugehen, denn psychische Schäden, die durch so
einen von Menschen gemachten Stress entstehen, sollten unbedingt vermieden
werden.
Stress als Körperreaktion
Herzschlag und Blutdruck erhöhen sich, die Durchblutung der Muskulatur
wird gesteigert, der Blutzuckerspiegel steigt, die Hirnwellentätigkeit
ändert sich, Gehör- und Sehvermögen werden schärfer, die Bronchien werden
erweitert, kurzum im Körper werden alle Systeme gestärkt, die für eine
Flucht benötigt werden. Umgekehrt werden gleichzeitig alle Erneuerungs-
und Wachstumsprozesse durch die Adrenalinausschüttung gehemmt, denn
für diese darf in Gefahr natürlich keine Energie geopfert werden. Am
Stressgeschehen beteiligt sind sowohl das zentrale Nervensystem, wie
auch das periphere Nervensystem und neben den über Nervenleitungen ablaufenden
Vorgänge, führt Stress auch zu einschneidenden hormonellen Reaktionen
im Körper, die wiederum massive Auswirkungen auf den gesamten Stoffwechsel,
die Fortpflanzung, das Immunsystem, wie auch die Lernfähigkeit haben.
Bei der Stressreaktion lassen sich verschiedene Phasen unterscheiden:
1. Alarmphase (Erkennen der Bedrohung, Mobilisierung der Kräfte),
2. Widerstandphase (Gegenreaktion des Körpers)
3. die Anpassungs- beziehungsweise Erschöpfungsphase.
Letztere kann bei andauerndem Stress zu schweren Erkrankungen bis hin
zum Tod führen.
Positive Auswirkungen
von Stress
Man kann zwischen zwei Stressformen unterscheiden: Eustress ist für
uns und unsere Tiere überlebenswichtig, Distress dagegen ist negativ
für unsere Gesundheit. Eustress erlebt man zum Beispiel, wenn man sich
verliebt hat. Das Telefon klingelt und schon bekommt man Herzklopfen.
Langanhaltender Distress allerdings macht krank, körperlich und/oder
psychisch. Pferde zeigen das in Symptomen wie zum Beispiel Koppen, Weben,
Boxenlaufen, übersteigerter Aggression unterm Sattel oder an der Hand.
Stressreaktionen sind also einerseits geeignet, ein Lebewesen vor äußeren
und inneren Gefahren zu schützen, bergen aber auch das Risiko, bei andauernder,
überfordernder Belastung Schäden zu verursachen.
Dauerstress
Durch eine Aktivierung des Hypothalamus-Hypohysen-Nebennierenrindensystem
bei länger anhaltendem Stress, schüttet die Nebennierenrinde vermehrt
Cortisol aus. Der Stoffwechsel wird verändert, es kommt zu einer (längerfristigen)
Erhöhung des Blutzuckerspiegels, Mobilisation von Körperfett und damit
erhöhtes Blutfett (Triglyceride im Blut). Gleichzeitig wird Körpereiweiß
abgebaut, der Gesamtstoffwechsel ändert sein Programm: von aufbauend
zu abbauend, an die Reserven gehend. Wachstum wird ebenso wie Fortpflanzung
und das Abwehrsystem gegenüber Infektionen zumindest vorübergehend unterdrückt,
denn der Körper konzentriert alles auf den Notfall und reduziert sich
selbst, um alle Kräfte zu bündeln und dem Stressor irgendwann zu entkommen.
Es kommt auch zu einer vermehrten Einsparung an Natrium und Wasser sowie
zur Freisetzung von Calcium.
Das Ganze ist für ein oder zwei Tage durchaus vertretbar und prinzipiell
eine vernünftige Körperreaktion: Nur auf Dauer ist vermehrte Cortisonausschüttung
verheerend, denn das gesamte Abwehrsystem wird geschwächt, der Körper
verliert seinen Schutz gegenüber Keimen und speziell die Lungen eines
im Dauerstress befindlichen Pferdes sind entsprechend besonders gefährdet.
Stress, der auf den Magen schlägt
Moderne Pferdehaltung zeichnet sich fast immer durch wohl gepflegte
Boxen mit Schiebetüren und Gitterstäben in den oberen Hälften zu beiden
Seiten einer langen Stallgasse. Damit sind die Pferde voneinander isoliert
und sind möglicherweise sogar gezwungen, neben einem anderen Pferd auszuharren,
mit dem sie sich nicht gut verstehen. Im Interesse ihres "Ruhebedürfnisses"
gibt es in den meisten Ställen so gut wie keinerlei Anregungen für sie.
Der Lebensraum ist klinisch rein, die Pferde werden geputzt, gepflegt,
gewaschen und betüttelt. Nur ist das der für Pferde wirklich geeignete
Lebensraum? Manche Pferde haben eine Box mit Paddock, zumindest wird
ihnen damit schon etwas mehr Anregung von außen geboten. Zwar kommen
die meisten Pferde, auch Turnierpferde, heute auf Koppeln, aber nur
allzu oft - aus Sorge vor der Verletzungsgefahr - allein. Für das Herdentier
Pferd muss Isolation Stress bedeuten. Pferde wollen sich berühren, miteinander
agieren und sich frei bewegen können, nicht nur eine Stunde am Tag mit
uns Menschen "arbeiten".
Fütterung - Magengeschwüre
Unsere Sportpferde werden in der Regel dreimal oder sogar nur zweimal
am Tag mit Kraftfutter gefüttert und bekommen immer noch allzu oft nur
einmal oder zweimal am Tag Heu und stehen auf Einstreu anstelle von
Stroh. Kein Wunder, wenn Magengeschwüre für Sport- und Rennpferde schon
fast zur Normalität gehören.
Der Pferdemagen ist auf ständige Aufnahme rohfaserreicher Nahrung ausgerichtet.
18 Stunden und mehr sind am Tag für Nahrungsaufnahme vorgesehen und
entsprechend wird im Pferdemagen ständig Magensäure gebildet. Und da
der Pferdemagen zweigeteilt ist, in einen drüsenlosen Teil und einen
mit Drüsen besetzten Teil, in dem die Magensäure gebildet wird, fließt
bei leerem Magen notgedrungen Magensaft aus dem Drüsenteil in den empfindlichen
drüsenlosen Teil zurück. Stress führt zu einer erhöhten Sekretion im
Verdauungstrakt, die übermäßige Produktion von Magensaft - eventuell
noch kombiniert mit getreidereicher und raufutterarmer Fütterung - führt
dann unausweichlich zu den bekannten Problemen: fast 90 Prozent der
Turnierpferde und der Rennpferde haben Magengeschwüre.
Falsches Training macht
krank
Überforderung - sei es körperlich oder geistig -ist leider nur allzu
häufige Realität. Und nach wie vor haben wir Menschen immer noch das
Dominanzmodell vor Augen, wenn wir mit Pferden arbeiten. Wie oft hören
wir nach wie vor von Ausbildern: "der will nur nicht, setz Dich doch
mal durch!" Artgerechte Ausbildung sollte deshalb immer oberstes Ziel
sein. Stress in der Herde Darf ein Pferd nicht an die Raufe auf dem
Auslauf, bekommt nicht genügend zu fressen, hat nicht genug Platz auf
der Weide, um ranghöheren Tieren zu entkommen oder wird es gar von der
Herde verstoßen, steht es unter enormen Druck. Dies kann sich in einem
schlechten Futterzustand zeigen, rippige Figur oder eingefallene Flanken,
oder im Verhalten. Aggressivität, Widerwilligkeit wären da beispielhaft.
Darf ein Pferd tagsüber in der Herde nicht fressen und bekommt so nur
morgens und abends Futter, ist das für das Tier schon ein Zustand von
Dauerstress. So ein Pferd sollte nachts ungestört sein Heu fressen können,
ein engmaschiges Heunetz hat sich zusätzlich als nützlich erwiesen:
die Tiere fressen sehr lange daran und sind beschäftigt.
Kurzum: der Mensch
ist dafür verantwortlich, das Pferd bei gut durch dachten Haltungsbedingen
so zu unterstützen, dass es seine mentalen und körperlichen Bedürfnisse
so best es geht befriedigen kann.
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Text
& Fotos: Schneider
I Horses
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Ausgelichen und zufrieden: Sozialer Kontakt
ist
wichtig für die Gesundheit unserer Reitpferde
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Fachliche und
individuelle Fütterungsberatung:
Firma iWest
I
Dr. med. vet. Dorothe Meyer
I Tierärztin
und Mikrobiologin 82383 Hohenpeißenberg
iwest@iwest.de
I www.iwest.de
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Stress fürs Herdentier: Isoliert gehalten
ohne
wirklichen sozialen Kontakt zu Artgenossen.

Dauerstress im Training kann Krankheiten wie Magengeschwüre verursachen.

Hat man Angst vor Verletzungen in der Herde,
ist eine Haltung zu zweit immer noch
besser als eine alleine.
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