Gelebte Pferdeliebe
Blindes Vertrauen

Der Tierarzt kommt, die Nachricht über die Zukunft des Vierbeiners ist erschütternd. Wie diese aber letztendlich aussieht, hängt individuell vom Besitzer ab: Während der eine verkauft oder gar den Schlachter ruft, kämpft der andere unermüdlich gegen die Krankheit, trotzt der Natur, um dem geliebten Vierbeiner den Himmel auf Erden zu bereiten. Rika Schneider beschreibt eine Geschichte, in der Träume wahr werden.

Sabrina Espe hatte die Hoffnung in ihren Pinocchio nie aufgegeben, auch nicht, als alle anderen Reiterinnen im Stall ihr dazu rieten, ihn einschläfern zu lassen. Pinocchio, von der 15-Jährigen liebevoll Nocce genannt, hatte den Ruf des frechsten Schulpferdes im Stall: Nicht selten sah man Jugendliche am Ende des Führstrickes durch die Stallgasse fliegen, eine Kette über der Nase war oft die einzige Möglichkeit, den Braunen zu halten. Sabrina putze ihr Pflegepferd und ritt ihn im Reitunterricht, bis ihr vierbeiniger Freund eines Tages mit einem geschwollenem Auge in der Box stand. Die Entzündung kam und ging, die Diagnose des Tierarztes lautete Periodischer Augenentzündung. Nocce wird auf dem rechten Auge blind werden. Als Schulpferd taugte er nun nicht mehr und so lag es für den Stallbesitzer nahe, zuerst das Pflegemädchen zu fragen.

„Ich ging zu meiner Mutter und fragte, ob wir ihn nicht nehmen könnten“, erinnert sich die Englischreiterin. „Sie hat sofort ja gesagt, mein Vater hingegen musste ein wenig bearbeitet werden“. Mit der langsam stärker werdenden einseitigen Sehschwäche schien der Wallach kein Problem zu haben: Frech wie immer und weiterhin auf dem Paddock und auf der Weide aktiv, wuchs mit ihm Sabrinas Traum vom „einäugigen“ Jugend-Turnierpferdchen heran. Denn unterm Sattel lief er noch immer wie am Schnürchen. Doch der Traum vom Siegen war schnell zu Ende: Durch ein geschwollenes, mit eitrigem Ausfluss verklebten linken Auge begrüßte der Wallach eines Tages seine Besitzerin in der Stalltür. Nun kam und ging eine Augenentzündung nach der anderen an dem noch sehfähigen, guten Auge. Die Diagnose des Arztes lautete aber auch hier schon bald: Beginn einer Periodischen Augenentzündung. „Der Schock ging mir durch den ganzen Körper – ein ganz blindes Pferd, was kann man damit noch anfangen?“, erinnert sich die Düsseldorferin.

Nun begann eine Odyssee für Familie Espe und ihren Pinocchio. Eine Odyssee auf der Suche nach Heilung, nach Tierärzten und Spezialisten, die Nocce nicht erblinden lassen würden. „Wir hörten von einem Augenspezialisten in München, planten auch schon mein Pferd dort hin zu transportieren, als mir aber ein Augenspezialist unweit von Düsseldorf empfohlen wurde“. Es hieß, man könne mein Pony auf dem linken Auge heilen. Sabrinas Eltern kauften einen Pferdehänger, um die vielen Besuche in die Pferdeklinik zu meistern und damit Nocce - der ja bald wieder einseitig sehen würde - mit Sabrina zu den Turnieren fahren könne. Die Operation wurde an einem Apriltag durchgeführt und von den Ärzten als geglückt dokumentiert. Sabrina viel ein Stein vom Herzen. Endlich war ihr Nocce wieder sehfähig.

„Um so verzweifelter war ich dann, als er knapp einen Monat später an einer erneuten Augenentzündung am linken Auge litt. Diesmal sagte der Arzt, es kann eine Bindehautentzündung, aber auch der Beginn einer Blindheit sein“, denkt Sabrina mit wütend dreinblickenden Augen zurück. Letzteres bestätigte sich, Nocce erblindete langsam auch auf dem linken Auge. Wieder waren es die Stallnachbarn, die tuschelten und nicht verstehen konnten, wie man ein blindes Pferd lebend aus der Klinik in den Stall bringen konnte. Und so wechselte Familie Espe den Standort des Wallaches, stellten ihn in einen Freizeitstall.

Mit seiner abnehmenden Sehstärke, schwand auch sein etwas zu selbstbewusstes Auftreten: Er hörte auf, an Sabrina zu zerren, achtete auf ihre Schritte, wieherte, wenn sie sich der Box näherte oder ihm auf der Weide zurief. „Er hat sich komplett geändert, ist ruhiger geworden, aber dennoch sehr wachsam“, erzählt die Realschülerin, die mit Nocce regelmäßig Unterricht auf dem Reitplatz hat, Ausritte im Gelände oder Spaziergänge mit ihm an der Hand genießt. „Er ist ein gutes Freizeitpferd für mich. Einmal sind die Pferde von der Weide abgehauen und alle liefen sie über das Feld. Als ich Nocce mit seinem zweiten Kosenamen, Pony, rief, hob er seinen Kopf, blieb stehen und wartete bis ich bei ihm war und ihn gehalftert hatte, um mit ihm zum Stall zu gehen“, beschreibt Sabrina das Vertrauen, dass sich zwischen Beiden aufgebaute hat. Im Gelände geht er bergauf, bergab, über Brücken, vorbei an Schnellstrassen oder unbekannten Gehegen – solange Sabrina frohen Mutes ist und ihm sagt, dass alles sicher ist, geht er mit ihr durch Dick und Dünn. Vertrauen und Hoffnung ist das, was die beiden zusammenschweißt, was aus einem einäugigen Banditen einen Fury werden lässt. „Ich gewinne zwar keine Turniere mit meinem Nocce, aber dafür habe ich den besten Freund, den man sich nur wünschen kann“, freut sich Sabrina. Ein wahres Happy End also, so ganz ohne Schleife oder Pokal.


 


Pionocchio, Nocce genannt, ist auf dem rechten Auge blind.


Gemütlicher Ausritt mit Sabrina.
Fotos: Schneider I Horses In Media