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Für viele Reiter ist gebissloses
Reiten der Innbegriff von Harmonie. Um so ein geschmeidiges Traumbild
zu erreichen, gehört eine gehörige Portion Fachwissen, Sachverstand
und Feingefühl dazu. Warum die Ausbildung mit Zäumungen ohne Gebiss
genau betrachtet werden sollte, und für welches Reiter-Pferd-Paar sie
sich anbietet, erläutert Ihnen Freizeit- und Westernausbilder Peter
Kreinberg.
Ganz gleich, ob ein Pferd
ohne oder mit Gebiss geritten wird, es ist immer der Verstand und das
Gefühl des Reiters, der die Zügelhände führt. Dass heißt ein grobmotorischer,
ungeübter Reiter kann dem Pferd mit einer gebisslosen, mechanischen
Hackamore genauso viel Schmerzen und seelisches Leid zuführen, wie mit
einem Gebiss. Es ist also eine Frage des Anspruchs des Reiters an sich
selbst und seiner Fähigkeiten, der Ausbildungsmethode und der Zielsetzung
des individuellen Reiters. Soll das Pferd weich reagieren, mitdenken
und motiviert unter dem Sattel sein, so Bedarf dies auch einem motivierten,
wissbegierigen und lernwilligen Reiter. Dieser muss bereit dazu sein,
seine eigenen mentalen und körperlichen Möglichkeiten zu erkennen, zu
fördern und Fehler oder störende Angewohnheiten auszumerzen.Feines
Reiten - mit oder ohne Gebiss - liegt also immer in der Hand des Reiters.
Warum sollte ein Pferd
gebisslos geritten werden?
Voraussetzt der Reiter versteht, wie eine gebisslose Zäumung wirkt und
benutzt wird, und kann diese auch im Rahmen sinnvoller Übungsabläufe
einsetzten, gibt es vier Gründe, warum man meiner Meinung nach gebisslos
reiten kann: ? Man kann ein junges Pferd schonen damit anreiten, so
dass sein Maul unangetastet bleibt, bis es die folgenden Ausbildungsstufen
erreicht hat:
- es hat alle Hilfen als Verständigungsmittel begriffen
- es ist muskulär locker und nachgiebig
- es ist nicht mehr schreckhaft oder sehr unkonzentriert
- es ist ausbalanciert und koordiniert in den Grundgangarten, Übergängen,
Wendungen und im Rückwärtsgehen
- Bei Zahnproblemen oder im Zahnwechsel
- Bei der Korrektur von Pferden, die unter extremem Vertrauensverlust
dem Gebiss gegenüber leiden (Puller, Durchgänger, Kopfschläger und so
weiter)
- Um einem Pferd einmal Abwechslung vom Gebiss zu gewähren und dadurch
seine Aufmerksamkeit und Motivation aufzufrischen
Wenn Freizeitreiter zu einer
gebisslosen Zäumung greifen, so kann man bei ihnen nicht voraussetzen,
dass Sie die Wirkungsweise gebissloser Zäumungen genau kennen und gelernt
haben, diese methodisch einzusetzen. Oft fällt die Wahl auf eine gebisslose
Zäumung, wenn es dem Reiter nicht gelingt, mit einer Trensenzäumung
eine vertrauensvolle Zügelverbindung zum Pferd zu erreichen. Mit der
Begründung, das Pferd lehne das Gebiss ab, wird von diesem Umstand abgelenkt.
Dabei wird übersehen, dass gebisslose Zäumungen ursprünglich konzipiert
wurden, um das Pferd für die Zäumungen mit Gebiss vorzubereiten.
Der Umstand, dass das Maul
mit einer gebisslosen Zäumung geschont wird, schließt nicht aus, dass
es beim Pferd dennoch zu Verspannungen im Körper, zu schiefem oder vorhandlastigem
Gehen oder zu unkontrolliertem Bewegungen kommt, die dann wiederum schädlich
sind.
Für welches Pferd ist
eine gebisslose Zäumung geeignet?
Im Grundsatz ist jedes Pferd geeignet. Bei rohen oder verrittenen Pferden
sollten nur dann mit gebisslosen Zäumungen geritten werden, wenn der
Reiter Erfahrung im richtigen Umgang damit hat. Brav gerittene Pferde
können zeitweilig in gebisslosen Zäumungen geritten werden. Der Reiter
kann so Erfahrung im Umgang mit solchen Zäumungen sammeln, ohne das
Pferd zu sehr zu verwirren. Dem Pferd bekommt die Abwechslung oft auch
gut, und es wird aufmerksamer und lockerer.
Welcher Reiter kann mit
gebissloser Zäumung reiten?
Wer mit einer gebisslosen Zäumung reiten möchte, um ein Pferd zu schulen,
der sollte in allen Gangarten über einen ausbalancierten, zügelunabhängigen
Sitz verfügen und eine feinmotorische gefühlvolle Zügelführung beherrschen.
Ich unterscheide beim Einsatz gebissloser Zäumungen zwischen zwei grundsätzlichen
Reitergruppen:
a.) erfahrene, losgelassene, gefühlvolle Reiter mit gutem Selbstvertrauen
und
b.) ungeübte, zeitweilig motorisch blockierte Reiter mit gestörtem Selbstvertrauen.
Reiter der ersten Gruppe sollten nach eigenem Ausbildungsstand und nach
Ausbildungszielsetzung, Sensibilität, Exterieur und Verwendungszweck
des Pferdes eine zweckmäßige und geeignete gebisslose Zäumung wählen.
Reiter der zweiten Gruppe können auf einem ruhigen eigenen Pferd oder
auf Schulpferden durch das Reiten mit gebisslosen Zäumungen lernen,
dass Kraft und Gewalteinwirkung keine Mittel sind, um ein Pferd zu kontrollieren.
Sie erwerben auf diese Weise ein besseres Verständnis für kommunikative
Hilfengebung und ein besseres Selbstvertrauen
Welche gebisslose Zäumung?
Die Wahl der Zäumung sollte sich natürlich nach dem Ausbildungsziel
sowie -stand von Pferd und Reiter richten. Für sensible Pferde empfehle
ich mild und differenziert wirkende Zäumungen ohne Hebelwirkung oder
zusammenpressenden Effekt, für etwas unsensibel reagierende Pferde kann
man eine Zäumung mit etwas deutlicheren Druckpunkteffekten oder mit
leichter Hebelwirkung einsetzen. Die Vielzahl der gebisslosen Zäumungen
ist äußerst verwirrend. Ich unterscheide vier Gruppen:
1. Zäumungen, die mehr oder weniger gleichmäßig anliegen und einen direkten
Kontaktdruck in dem Verhältnis auf Teil des Kopfes übertragen, mit dem
am Zügel gezogen wird. Sie ermöglichen wenig differenzierte Signalgebung.
Passiver und aktiver Kontakt unterscheiden sich kaum. Zum Beispiel das
Sidepull.
2. Zäumungen, die bei losem Zügel lose anliegen und bei Zügelanzug einen
zusammenpressenden Effekt an Nase oder Kopf haben. Sie ermöglichen wenig
differenzierte Signalwirkung. Passiver und aktiver Kontakt unterscheiden
sich etwas mehr. Zum Beispiel mechanische Hackamore.
3. Zäumungen, die bei losem Zügel lose anliege, bei Zügelzug durch Hebelwirkung
den Zug am Zügel mit deutliche verstärktem Druck auf Teile des Kopfes
übertragen. Sie ermöglichen wenig differenzierte Signalwirkung, Passiver
und aktiver Kontakt unterscheiden sich sehr deutlich.
4. Zäumungen, die bei losem Zügel dem Pferd durch ihre Eigenbalance
schon erste Signale geben, welche das Pferd veranlassen, sich anzupassen.
Bei aktiver Einwirkung gewähren sie auf der der Kontaktfläche gegenüberliegender
Seite Freiräume. Sie ermöglichen wenig sehr differenzierte Signalwirkung,
Passiver und aktiver Kontakt unterscheiden sich deutlich, wirken aber
stets nach dem gleichen Prinzip, so dass das Pferd nach und nach in
der feinsten Abstufung am losen Zügelkontakt grundsätzlich die gleiche
Signalgebung erfährt, wie bei aktiven Zügeleinwirkungen. Zum Beispiel
Bosal.
Wer erste Erfahrungen machen
möchte, dem empfehle ich mit Knotenhalfter und zur Zügelschlaufe gebundenem
Leitseil zu beginnen. Hat er korrekte Übungen der Bodenarbeit mit dem
Leitseil vorgeschaltet, so ist bei Pferd und Reiter das Bewusstsein
und das Gefühl für die Signalgebung schon gut entwickelt und es wird
auch vom Sattel aus zu keinen bedeutenden Missverständnissen kommen.
Mit dem Knotenhalfter kann ich ähnlich wie mit der Bosal/Hackamore sehr
differenzierte und feine Signale geben. Wer einfach nur zieht, der wird
sehr bald vom Pferd gezeigt bekommen, dass damit gar nichts zu bewirken
ist.
Ausbildung mit dem Bosal
Grundsätzlich kann man vier wesentliche Wirkungszonen der Hackamorezäumung
benennen: drei im Bereich des Nasenteils (Bosal) und eine Wirkungszone
am links und rechts Hals mit der Zügelschlaufe (Mecate). Das Bosal wirkt
mit mehr oder weniger Kontaktdruck auf dem Nasenrücken, an der seitlichen
"Wangenhaut" und an den Unterkieferästen. Zügelschlaufe, Leitseilende
und Bosal mit den Zügelwindungen und dem Bosalknoten bilden eine Balanceeinheit
zwischen drei Aufhängungspunkten. Der erste befindet sich mit dem Nackenstück
des Bosalhängers (Kopfstückriemen) am Hinterhaupt des Pferdes, die beiden
anderen befinden sich in den Reiterhänden beziehungsweise, in einer
Hand. Wird die Hackamore so vom Reiter geführt, dass kein direkter Zug
auf den Zügeln ist, so kann das Pferd an den Kontaktpunkten minimalen
Druck durch das Eigengewicht der Zäumung auf Nasenrücken oder an den
Wangenseiten spüren. Dehnt und lockert es seine Oberhalsmuskulatur,
rundet den Hals, lockert das Genick und bringt den Kopf an die Senkrechte,
so reduziert sich der passive Kontaktdruck auf der Nase und an den Seiten
komplett. Wird es dabei zu aktiver Hinterhandtätigkeit mit gewinkelten
Hinterhandgelenken angeregt, so wird es mit zunehmender Muskellockerung
seiner Oberlinie (Nackenband) animiert, sich zu tragen, in Selbsthaltung
zu gehen und darin zu verbleiben. Einwirkungen mit den Zügeln werden
niemals mit Dauerzug gegeben sondern sind immer wechselwirkende Impulse
mit unterschiedlicher Intensität oder Frequenz.
In der Verfeinerungsphase,
wenn das Pferd locker und fein reagiert, wird über einen Zügel eine
leichte Fühlung zur Pferdenase erhalten. Seitliche Richtungsänderungen
und Biegung werden durch einseitigen Kontakt mit jeweils differenziert
verkürztem oder Impulse gebendem Zügel erreicht. Verlangsamen, Halt
und Rückwärts wird über wechselwirkende Impulse gegeben. Nach und nach
sucht das Pferd seine Position, Haltung und Richtung zwischen den Kontaktpunkten,
der Reiter kann immer mehr auf die aktiven Impulse verzichten. Zügelimpulse
sollten stets auf den Takt und die Stütz- beziehungsweise Schwebephasen
der Pferdebeine abgestimmt werden. In der Endphase der Hackamoreausbildung
trägt das Pferd ein Stangengebiss an losen, passiven Zügeln (Two-Rein-Phase).
Graduell werden die feinen Zügelsignale der Hackamorezäumung nun auch
mit den Zügeln der Stangenzäumung übertragen. Bei Missverständnissen
bleiben die Stangenzügel passiv und es wird mit ihnen niemals Zwang
auf das Maul ausgeübt.
Nach entsprechender Umstellungs-
und Gewöhnungszeit lernt das Pferd nun, seine erlernten Bewegungsabläufe
und Manöver nun ausschließlich auf feine Signale der Stangenzäumung
hin auszuführen. Die Bosalzäumung wird nun nicht mehr eingesetzt, die
Zügelschlaufen der Hackamorezäumung fallen weg, das Pferd ist "Straight
up in the Bridle", das Ausbildungsziel ist erreicht.
Ursprünglich wurden die Pferde fast ausschließlich bei der Rancharbeit
während langer Geländeritte und ruhiger Schulungssequenzen anfänglich
mit ruhigen Rindern in langsamer Bewegungsfolge geschult. Mit zunehmender
Routine wurden dann die Ansprüche gesteigert. Diese Form der Pferdeausbildung
ist in Mitteleuropa kaum möglich.
Wer als Freizeit- Westernreiter
diese alte Traditionell Reitweise und Ausbildungsform nachvollziehen
möchte, der muss den Einsatz der Hackamorezäumung vor dem Hintergrund
der tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten (Bahn- und Hallenreiterei)
betrachten und seine Ausbildungsschritte anders gestalten, als sie in
den wenigen, überlieferten Texten alter Vaqueroausbilder wie zum Beispiel
Ed Connell überliefert werden. Doch auch ohne den Hintergrund praktischer
Rancharbeit mit Rindern lässt sich mit der Hackmore-Ausbildung ein auf
feinste Hilfen balanciert gehendes, einhändig zu reitendes gehorsames
Freizeitpferd schulen.
Ein Sidepull mit Ledernasenband
wirkt auf einer größeren Auflagefläche. Weniger sensibel reagierende
oder steife Pferde können schnell abstumpfen. Die
Zäumung sollte nur für kurze und leichte Signale eingesetzt werden,
nicht mit Dauerkontakt oder Zug. Man kann damit rückwärts- oder seitwärts
gerichtete Signale geben. Nur begrenzt für feine Hilfengebung und Ausbildungszwecke
geeignet.
Mechanische Hackamore
mit kurzen Anzügen: sie wirkt mit wenig Hebelwirkung, drückt den
gesamten Nasenbereich bei Zügelanzug zusammen. Kaum differenzierte Einwirkung,
nicht für Ausbildungszwecke geeignet.
Der Kappzaum wirkt
auf das Nasenbein und kann mit Anlehnung, leichtem Kontakt und mit Signalen
eingesetzt werden. Es dient beim Anreiten als Jungpferd-Ausbildungszäumung
und wird dann mit Gebisszäumung kombiniert.
Das Bosal / Hackamore:
die an das Bosal geknoteten Mecate-Zügel sind aus Pferdehaar geflochten.
Macates aus Mähnenhaar sind weicher und auch kostspieliger als die aus
Schweifhaar. Das Bosal ist typisch für die Jungpferdeausbildung in der
Klassischen Kalifornischen Reitweise.
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Gebisslos Reiten heißt nicht gleich 'ohne alles' - doch auch
das ist mit guter Ausbildung möglich. Welche gebisslosen Zäumungen
sich für Sie und Ihr Pferd eignen lesen Sie im Haupttext.
Fotos: G. Boiselle
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Kurs
mit Peter Kreinberg
"Feines Reiten ohne Gebiss"
Kurstermin:
29.-30. März 2008 in NRW Kursinfos
hier!
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Als Fachmann bei der Ausbildung von Pferden im Bosal ist Peter Kreinberg
schon seit vielen Jahren bekannt.
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