Peter Kreinberg:
Taktklar durch Muskelentspannung

Unter dem Begriff Zügellahmheit versteht man eine Untaktmäßigkeit in der Bewegungsfolge, die dann besonders deutlich hervortritt, wenn ein Pferd mit Zügelkontakt geritten wird. Es verkrampft sich, weil es das Vertrauen in die reiterlichen Einwirkungen verloren hat. Besonders die Gebisseinwirkungen im Maul lösen diese Muskelverkrampfungen und -blockaden aus.

Bevor man sich als Ausbilder mit dieser Problematik befasst sollte ein Tierarzt das Pferd untersuchen und sicherstellen, dass in Maul, Skelett und Muskulatur keine schmerzhaften Schädigungen vorliegen. Um dem Pferd zu helfen, Zwanglosigkeit und Losgelassenheit wieder zu finden, arbeite ich in vier Korrekturschritten. Die ersten beiden Übungen vom Boden aus, minimieren negative Verknüpfungen, die durch reiterliche Einwirkungen entstanden sind.

Durch zwanglose Dehnungsübungen soll das Pferd wieder zu einer dynamischen und unverkrampften Tätigkeit der Hals- und Körpermuskulatur gelangen.

1. Das Pferd soll am Gebiss abkauen und sich an der Hand in Genick und Hals biegen.
• Stellen Sie sich vor Ihr stehendes, aufgetrenstes Pferd und schauen Sie es an. Fassen Sie mit der linken Hand den rechten und mit der rechten Hand den linken Zügel dicht an den Trensenringen. Die restlichen Zügelenden halten Sie in einer Hand. Üben Sie dann mit beiden Händen einen weich beginnenden, dann gleichmäßig wechselnden Druck mit dem Mundstück auf die Lefzen aus, um das Pferd im Genick zur Nachgiebigkeit zu bewegen. Sobald es die Neigung dazu zeigt, geben Sie nach, so dass als Folge eine kauende Tätigkeit des Maules entsteht.
• Hat sich Ihr Pferd nach einigen Wiederholungen an den Druck auf beiden Maulseiten gewöhnt und versteift sich nicht mehr, so können Sie mit dem Biegen an der Hand beginnen. Stellen Sie sich dazu wie beim Abkauen lassen vor das Pferd. Soll sich das Pferd nach rechts biegen, so gibt die linke Hand mehr Druck auf die linke Trensenhälfte, die rechte Hand bringt das Trensenmundstück je nach dem in tieferer oder höherer Position vor. Dadurch biegt das Pferd sich seitlich im Hals nach rechts. Die Wirkung Ihrer Hände sollte dabei so abgestimmt werden, dass die Biegung in den Ganaschen stattfindet. Jedes Nachgeben des Pferdes belohnen Sie sofort durch kurzzeitiges Nachlassen des Gebissdrucks. Wiederholen Sie die Übung nach beiden Seiten hin einige Male.

2.
Im Schritt an der Hand soll das Pferd seitlich übertreten, um das unverkrampfte und freie Zusammenspiel der gesamten Körpermuskulatur in ruhigen und kurzen Bewegungsreprisen wieder zu normalisieren. Dabei ist das Pferd wieder auf Trense gezäumt, aber nicht ausgebunden.
• Stellen Sie sich an die inneren Schulter und halten Sie den inneren Zügel dicht am Trensenring, der äußere läuft über das Genick des Pferdes und wird ebenfalls mit dem inneren zusammen in der Hand gehalten. Mit der anderen Hand halten Sie eine Gerte. Motivieren Sie das Pferd durch Berührungsimpulse dicht oberhalb des Sprunggelenks mit der Hinterhand auszuweichen. Mit der Vorhand bleibt es auf einem kleineren Kreisbogen, mit den Hinterbeinen beschreibt es einen größeren. Es ist wichtiger, dass es vor allem vorwärts - seitwärts übertritt als nur seitwärts zu gehen. Verliert es die Vorwärtstendenz, so gehen Sie mit der Zügelführenden Hand vor, mit der Gerte aktivieren Sie die Vorwärtstendenz in Form von Impulsen. Diese werden oberhalb des Sprunggelenkes gegeben. Man sollte nicht rückwärts mit dem Zügel auf das Gebiss und damit auf das Pferdemaul einwirken. Durch Wiederholungen lernt das Pferd die Wendung um die Vorhand an der Hand. Nun kann man es auch auf geraden Linien in seitlicher Stellung oder Biegung auf drei oder vier Hufschlägen seitlich übertreten lassen.

3.
Reiten Sie Ihr Pferd im ruhigen Schritt am losen Zügel. Entlasten Sie dabei wird den Rücken durch entsprechende reiterliche Haltung. Nehmen Sie mit einem Zügel Kontakt zu einer Maulseite auf. Ein weiches Herandehnen ist hier die Zielsetzung. • Reiten Sie im Schritt an der Bande des Reitplatzes entlang. Halten Sie mit der inneren Hand die Zügel mittig über dem Mähnenkamm des Pferdes. Mit der äußeren Hand (zur Bande) gleiten Sie an der Halsseite am Zügel herunter, umfassen den Zügel mit der ganzen Hand und nehmen ihn vorsichtig an. Dabei bleibt Ihre Hand dicht am Hals und bewegt sich in Richtung Widerrist des Pferdes, bis ein Kontakt über Zügel und Zäumung zum entsprechenden Mundwinkel des Pferdes hergestellt ist. Dieser Kontakt darf nie zum Zug am Zügel werden, sondern muss stets von der Hand her eine passiv festgestellte Verbindung sein. Sollte das Pferd allerdings durch Druck gegen die Zäumung reagieren, so bleibt Ihre Hand unnachgiebig, selbst wenn es mit aller Kraft versuchen würde, Ihnen den Zügel aus der Hand zu ziehen. Sie benötigen dafür keine Muskelkraft, wenn Sie Ihre Hand dafür auf dem Mähnenkamm aufstützen und sie fest schließen. Halten Sie die Hand statisch, legen Sie diese eventuell gegen den Hals des Pferdes, um sie zu stabilisieren oder stützen Sie sie auf dem Mähnenkamm ab. Warten Sie, bis das Pferd am Zügel weichen Kontakt anbietet und sich entsprechend auf der äußeren Halsseite in der Muskulatur dehnt. Es gibt dabei sowohl seitlich wie auch etwas im Genick nach. Sobald sich diese Reaktion einstellt, muss der Zügel in Richtung Pferdemaul langsam nachgegeben werden, um dem Pferd ein Dehnen nach vorn und abwärts zu ermöglichen. Diese Übung wird immer wieder ruhig wiederholt, zunächst auf einer Seite dann auf der anderen. Gelingt das problemlos, bleibt das Pferd locker und taktmäßig.

4. Im Schritt, später im Trab, können Sie auf beiden Maulseiten nacheinander Kantakt herstellen: eine kurze Reprise in behutsamer Anlehnung reiten und dann Ihrem Pferd wieder Gelegenheit geben, sich nach vorwärts-abwärts zu dehnen.
• Gibt das Pferd bei Kontaktaufnahme auf beiden Seiten weich nach und dehnt es sich gleichmäßig vor, so ist es an der Zeit, vorsichtig mit zunächst einem, dann dem anderen Zügel den Gebisskontakt zum Maul herzustellen und für einige Schritte zu erhalten. Danach dehnen und entspannen lassen.
Wichtig: Nicht beide Zügel zur gleichen Zeit nachgeben, sondern zunächst auf einer Seite, dann auf der anderen. Mit der Zeit kann man beginnen, behutsam mit aktivierenden (treibenden) Schenkelimpulsen einzuwirken.

Vorgenommene Hände und leicht aufwärts wirkende Zügel lassen das Gebiss vermehrt in die Maulwinkel und nicht auf die Laden wirken. Alle Übungen dienen dazu, die Muskeldehnung einzelner Muskelgruppen gezielt zu fördern. Später wird das zwanglose An- und Abspannen der gesamten Körpermuskulatur in ruhigen, koordinierten Bewegungen angestrebt. So wird die Voraussetzung für eine korrekte, reiterliche Gymnastizierung oder Nutzung des Pferdes wieder hergestellt.

 

 

 

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Text & Foto: Schneider I Horses In Media

Ein zügellahmes Pferd verspannt sich
in Maul, Kopf und Hals. Durch
zwanglose Dehnungs-
übungen kann das Pferd
eine dynamische und
unverkrampfte Tätigkeit seiner
Hals- und Körpermuskulatur
wieder erlangen.