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„Jede freie Minute habe ich zu Beginn bei meinem Pferd verbracht“,
erinnert sich Ursula Geirer. Nichts fand die 37-Jährige schöner.
Doch irgendwann schlug der Freizeitspaß in Stress und Magenschmerzen
um. „Wenn ich mein Pferd an einer Weide vorbeiführen wollte,
auf der andere herumtobten, hatte ich plötzlich einen Wildfang am
Strick, der mit mir machte, was er wollte“, beschreibt die Hamburgerin
Szenen ihrer Vergangenheit. Situationen wie diese und die damit verbundenen
ängstlichen Gefühle nahmen zu. Die fröhlichen Tage im Reitstall
wurden kürzer und die enttäuschten Abende auf der Couch länger.
„Es wurde so schlimm, dass ich nervös und unsicher wurde, wenn
mein Pferd Chester nur kurz mit den Ohren zuckte oder sich aufrichtete,
um zu anderen Pferden hinüber zuschauen“, erinnert sich die
Reiterin. Erst traute sich Ursula Geirer nicht mehr alleine ins Gelände
und bald nicht mehr auf den Reitplatz. Wallach Chester übernahm die
Führung. Über den Verkauf ihres sieben-jährigen Pferdes
wurde nachgedacht.
Das es bei Ursula Geirer soweit kam, hat einen Grund: Ängste haben
ihr eigenes Gedächtnis. Dieses lässt sich nur selten durch kluge
Worte löschen. Neue emotionale Erfahrungen, die eine „Neuverdrahtung“
der Gehirnzellen bewirken, sind dann nötig, um Vertrauen und Mut
des Reiters langsam wieder aufzubauen. Ist man sich der Sache bewusst,
dass die eigenen Reit- und Umgangsprobleme mit dem Vierbeiner durch Furcht
entstanden sind, dann ist das der erste Weg zur Besserung. Nur wer von
seinen Ängsten weiß, kann sie beseitigen – durch regelmäßige
Konfrontation mit der Angst und durch kompetente Hilfe. Folgendes Beispiel
zeigt, wie man bestimmte Situationen über den Alltag konditionieren
kann: Das Flugzeug ist eines der sichersten Transportmittel überhaupt.
Doch obwohl die Wahrscheinlichkeit, im Strassenverkehr zu sterben, sehr
viel höher ist, setzt sich manch einer täglich ins Auto, jedoch
aus Angst nie in ein Flugzeug.
Dies macht deutlich, dass Gewöhnung, im Fall Ursula Geier regelmäßiges
Reiten und Umgehen mit dem Pferd, Ängste mindert. Wer allerdings
nur zwei mal die Woche sein Pferd umtüttelt, es nur ein mal pro Monat
reitet und dieses ansonsten auch nicht viel Auslauf hat, für den
wird Reiten zwangsläufig immer wieder zum aufregenden oder auch beängstigendem
Erlebnis. Unter die vier Millionen Deutschen*, die auf Grund von Ängsten
schlecht schlafen, fällt Ursula Geirer heute nicht mehr. „Ich
hatte das große Glück, auf einen Ausbilder zu stoßen,
der sofort erkannte, dass das Dominanz-Verhältnis zwischen mir und
meinem Pferd nicht stimmte“, so die Norddeutsche. Kompetente Reitlehrer,
die das richtige Händchen und ein offenes Ohr für unsichere
Schüler haben, können Reiter positiv unterstützen. Ursachen
sind oft die begrenzten Fähigkeiten der Reiter und deren daraus resultierende
falsche und übertriebene Reaktionen. „Regelmäßiger
Unterricht, erst in der Halle und später auf dem großen Reitplatz
sowie Hilfestellungen beim Führen und Longieren, bauten mein Vertrauen
zum Pferde und zu mir peu á peu wieder auf“, freut sich die
Hamburgerin, die heute glücklich mit Chester durch Wald und Flur
reitet.
Atmen
Sie sich frei
„Das Gehirn funktioniert von Geburt an. Vom Aufstehen bis zu dem
Moment, wo man eine Rede hält“ Atemtherapeut Adalbert Halt
zitiert Mark Twain, der den Nagel auf den Kopf trifft. Ruft der Lehrer
seinem Schüler, der auf dem Pferderücken in einer Notsituation
steckt, zu: „Atme, atme ruhig durch!“, dann wird dieser kaum
in der Lage sein, den gut gemeinten Rat zu befolgen. Sein Angstzustand
blockiert das Gehirn. In solchen Momenten wird sich der Schüler auch
nicht an eine Atemübung erinnern können. Aus diesem Grund strebt
der Berliner Atemtherapeut einen natürlichen Atemfluss an, den Reiter
durch angelernte körperliche Übungen automatisieren können.
Vorgänge wie tiefes und richtiges Ein- und Ausatmen zu Pferd können
¬– wenn bewusst und regelmäßig geübt –
auch in Notsituationen hervorgerufen werden. „Ich lehre keine Atemtechniken.
Nur durch bewusstes Handeln kann der Reiter ruhige Atmung erlangen, die
ihn in stressigen Situationen beruhigen kann“, erläutert der
60-Jährige. Pferde sind sensibel und reagieren sehr stark auf die
Atmung des Menschen, die nicht nur die Psyche, sondern auch den Gesundheitszustand
der Person beeinflusst. „Im Ruhezustand ist das Zwerchfell nach
oben gewölbt. Beim Atmen entsteht eine mechanische Wechselwirkung,
die Durchblutung, Sauerstoffversorgung und Verdauung fördert. Auch
Wirbel, Rumpf, Muskulatur und Becken, also die gesamte Körperhaltung,
werden von der Atmung verändert.“ Ein aufrecht gehender, selbstsicherer
Mann atmet wahrscheinlich gleichmäßiger und tiefer als ein
unsicherer mit gebückter Körperhaltung. Durch Stress im Alltag
ist die natürliche Atembewegung bei vielen Menschen gestört.
Täglich praktizierte Übungen können Ihre Atmung in einen
natürlichen Rhythmus bringen. Einmal automatisiert sind sie auch
in beängstigenden Situationen abrufbar:
• Oberstes Gebot ist Dehnung: Nehmen Sie im Stehen den rechten Arm
ganz nach oben und zeigen sie mit diesem über Ihren Kopf nach links.
Es ist eine physiologische Gesetzmäßigkeit, dass Dehnen eine
tiefe Atmung bringt. Auch im Yoga wird dieses Wissen genutzt.
• Setzen Sie sich auf ein Pferd und beugen Sie langsam Ihren Kopf
nach vorne, lassen Sie ihn auf ihre Brust sinken. Ihre Fersen dehnen Sie
nach unten. Führen Sie beide Übungen in einem Wechselspiel von
An- und Entspannung durch.
• Stellen Sie sich neben das Pferd: Streicheln Sie es und nehmen
sie seine Formen wahr. Achten Sie auch ruhig mal auf die Atmung ihres
Pferdes, wie sich sein hinterer Bauchteil auf- und abbewegt. Für
ängstliche Reiter ist die Kontaktaufnahme mit dem Tier sehr wichtig.
Berühren und beobachten Sie ihr Tier häufig, schulen Sie dadurch
Ihre Hände. Gewohnheit nimmt Angst.
• Weniger Furcht durch Pfeifen und Singen: Nicht das Pfeifen an
sich nimmt der Person das ungute Gefühl, sondern die Tatsache, dass
sie dadurch weiter atmet und seine Ausatmung sogar verlängert. Ein
sensibles Pferd reagiert auf stockenden oder anhaltenden Atem des Reiters.
Ein Pfeifen, Sprechen oder Singen, welches das Zwerchfell zudem in Bewegung
hält, verhindert das.
• Schütteln Sie Arme und Beine im Stand aus. Legen Sie eine
Hand auf Ihren Bauch und spüren Sie, wie sich Ihre Bauchdecke hebt
und senkt. Machen Sie sich bewusst, wie Ihr Körper funktioniert und
reagiert.
• Summen Sie etwa fünf Minuten lang, es lockert das Zwerchfell.
• Stellen Sie sich hin, bleiben Sie im Becken locker und wippen
Sie auf den Zehenspitzen. Versuchen Sie nicht verkrampft, die richtige
Atmung zu finden, denn diese wird sich durch die Bewegung ganz von alleine
einstellen.
• Setzen Sie sich entspannt hin und streichen Sie sich mit ihren
Handflächen über Arme, unteren Rücken, Bauch, Brust. Beugen
Sie sich vor, um auch Waden und Beine auszustreichen.
• Der Tennisspieler stößt einen Schrei aus, während
er mit seinem Schläger den Ball berührt. Auch bei Bauarbeitern
kann man diese verbale Kraftunterstützung beobachten. Die meisten
Reiter halten jedoch schon beim Aufsteigen den Atem an. Ein lautes Ausatmen
kann Ihnen beim Anschieben der Mistkarre, Satteln, Aufsteigen oder beim
Parcoursaufbau den extra Schwung geben. Sie können sich ein Wort,
zum Beispiel „Schuhh“, zur Hilfe nehmen. Ist es Ihnen aber
peinlich, laut auszurufen, kann auch ein leiser Ton unterstützend
wirken. Sie werden sich nicht mehr mit bloßer Muskelkraft, sondern
mit Hilfe der Atemkraft in den Sattel schwingen.
• Ausatmen nutzen: Konzentrieren Sie sich nicht immer aufs Einatmen,
sondern aufs Ausatmen. Die Wechselwirkung sorgt automatisch dafür,
dass sie einatmen.
In
Notsituationen fallen Ihnen bestimmte Übungen genauso wenig ein wie
Atemtechniken. Achten Sie auf Ihren Körper und üben Sie schon
in leicht angespannten Situationen durch Dehnung der Füße,
des Nackens oder durch bloßes Wahrnehmen Ihres Körpers oder
des Tieres, sich zu entspannen. Regelmäßig praktiziert und
dadurch automatisiert, ist dieser Vorgang in einer Angstsituation hilfreich.
Bereiten Sie sich auch mental auf furchteinflößende Situationen
vor: Ein Reh springt aus dem Busch, ein LKW kommt den Weg entlang gefahren.
Malen Sie sich aus, wie Sie reagieren werden und die Situation meistern.
Gedankenkraft ist enorm und Pferde reagieren darauf. Gehen Sie davon aus,
dass Ihr Vierbeiner an dem Busch scheut, dann wird er das wahrscheinlich
auch tun. Stellen Sie sich besser vor, wie sie beide selbstsicher daran
vorbei gehen werden. Während Sie das tun, können Sie Ihr Pferd,
Ihre Umwelt und sich selbst wahrnehmen. Nur indem Sie sich Angstmomenten
– am Besten unter Anleitung – stellen, können Sie mit
Situationen, in denen Ihnen Ihr Herz in die Hose rutscht, zurecht kommen.
Springreiter
Markus Merschformann:
„In diesem Jahr habe ich mir durch zwei Stürze das Schlüsselbein
und den Fuß gebrochen. Nach dem ersten Sturz bin ich ganz selbstverständlich
wieder in den Sattel gestiegen und habe mit dem Training da weitergemacht,
wo ich aufgehört hatte. Dies habe ich auch nach dem zweiten Sturz
versucht, doch bleibt es nach mehreren Stürzen nicht aus, dass sich
in manchen Situationen ein ungutes Gefühl einschleicht. Nach einem
Unfall versuche ich deshalb direkt vom ersten Tag an, so locker und unbefangen
wie möglich ins Training zu gehen. Im Springsport beginnen wir unsere
Arbeit mit niedrigen Sprüngen. Dies gibt mir genügend Zeit,
wieder Vertrauen zu fassen und mich auf die großen Hürden vorzubereiten.
Das Wichtigste ist, sich so schnell wie möglich wieder in den Sattel
zu schwingen, zu trainieren und auf Turnieren zu starten. Pferde merken
sofort, wenn man Angst hat und reagieren entsprechend darauf. Warten Sie
deshalb nicht zu lange und steigen Sie, sobald die Verletzungen geheilt
sind, wieder auf. Nur regelmäßige Praxis auf dem Pferderücken
gibt Sicherheit und bringt Erfahrung.“
Text: Schneider
I Horses
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Fotos: Guni
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