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Noch schnell einen Gang zur Toilette, bevor es in die Springstunde geht.
Feuchte Hände werden an der Reithose abgestreift ehe sie in den Handschuhen
verschwinden. Der große Braune streckt den Kopf in die Höhe
und spannt seine Muskeln an. Er reagiert auf die angespannte Körperhaltung
seiner Reiterin, deren Herz rast, Atem stockt und Muskeln mit Adrenalin
geflutet sind. Die Angst ist ihr in die Knochen gefahren, was in ihrer
verkrampften, nach vorne gebeugten Körperhaltung zum Ausdruck kommt.
Doch
nicht nur Reiter, sind davon betroffen: Etwa zehn Prozent der
Allgemeinbevölkerung leidet unter behandlungsbedürftigen
Ängsten. Im gesunden Zustand versetzt sie den Menschen in einen Alarmzustand
und erleichtert es ihm Situationen zu bewältigen, in denen er sich
noch nicht ganz sicher fühlt. „Angst gehört zur menschlichen
„Grundausstattung“ an Gefühlen und ein gewisses Maß
ist durchaus gesund: Sie bewahrt einen vor lebensgefährlichen Situationen“,
erklärt Professor Dr. Wolfgang Miltner. Laut dem Psychologen der
Universität Jena ist aber nicht immer das Pferd Furcht-Auslöser:
„Symptome wie feuchte Hände oder Durchfall vor der Reitstunde
können auch auf sozialen Ängsten oder Phobien beruhen: Befürchtungen,
sich in der Reitstunde zu blamieren und vor Zuschauern oder dem Lehrer
blöd auszusehen, können die Übeltäter sein. Solche
Gefühle haben jedoch mit einem niedrigen Selbstwertgefühl zu
tun und nicht unbedingt mit dem Tier.
Die Angst fungiert als Warnsignal. Doch ist sie so groß,
dass sie mit starken körperlichen Symptomen einhergeht, ist logisches
Denken und Handeln schwer oder gar unmöglich – auf dem Pferderücken
kann das fatele Folgen haben.
Unter Pferdefreunden wird die Angst oft durch mangelndes Wissen der Reiter
und die daraus entstehenden Problemsituationen mit dem Pferd hervorgerufen.
Dazu kommt die bedrohliche Größe und Kraft des Tieres. Ist
ein Reiter nicht mehr Herr der Situation, geht ein Pferd durch, reißt
sich los, drängelt beim Führen oder tänzelt über den
Reitweg, so hat das Tier die Führung übernommen. Schlechte Erfahrungen,
Hilflosigkeit und Reitlehrer, die nicht auf die Ängste der Schüler
eingehen, steigern das Unwohlsein der Reiter. Ob Profi oder Laie –
der Ausbildungsstand von Reiter und Pferd sowie deren Charaktere müssen
miteinander harmonieren.
Wird der Weg in den Stall aber nur noch mit Magenschmerzen bewältigt
oder werden die Knie weich wenn’s ans Aufsteigen geht, dann sollten
Sie etwas unternehmen, um wieder Spaß zu haben. „Ist es einmal
so weit gekommen, muss der Reiter abwägen, ob er aufhören oder
dran arbeiten und seine Unsicherheiten ablegen möchte“, rät
Professor Dr. Miltner. Entscheiden Sie sich dafür, den Kampf gegen
die Angst aufzunehmen, bieten Gesundheitslehren wie Meditation, Entspannungsübungen,
Seminare rund ums Thema Reiten und Angst, Atemtherapien, Feldenkrais-Kurse,
Sicherheits- und Falltraining am Pferd, Kinesiologie, eine solide Grundausbildung
auf dem Pferderücken sowie Schulungen zur Verbesserung des eigenen
Sitzes, Hilfestellung.
„Wirf dein Herz über das Hindernis, das Pferd springt ihm nach“
– so lautet ein altes Sprichwort. Doch hat ein Reiter einen Sturz
oder eine andere schlechte Erfahrungen gemacht, ist dies leichter gesagt
als getan. Viel Zeit und positive Erlebnisse sind dann nötig, um
die Angst durch Vertrauen zum Pferd und zu sich selbst zu ersetzten. Hilfreich
ist hier die Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Ausbilder.
Sally Swift – mutig durch „Reiten aus der
Körpermitte
Gründerin dieser Lehre, Sally Swift, verhilft Reitern durch
fundiertes Wissen über Anatomie des Pferdes und Menschens, der richtigen
Körperhaltung, Einfühlungsvermögen und mentaler Vorstellungskraft
zu einem harmonischen und sicheren Ritt. Imaginäre Bilder, die sie
ihren Schülern mit auf den Weg gibt, stehen im Zentrum ihrer Methode.
Im FS-Zentrum Reken stellte die Amerikanerin Susan Harris, Swifts Lehre
unter dem Thema „Angst“ vor.
„Sitzen Reiter nicht im Gleichgewicht auf dem Pferderücken
oder reiten sie ein Pferd, das für ihren Ausbildungsstand zu anspruchsvoll
ist, so fühlen sie sich unsicher oder haben Angst. In letzterem Beispiel
ist die Sorge sogar berechtigt und der Reiter sollte sich einen Lehrer,
Ausbilder fürs Pferd oder schlimmsten Falls ein anderes Pferd suchen“,
kommentiert Harris die ungünstige Kombination von Reiter und Pferd.
Neben dem Pferd spielt der Lehrer, dem der Schüler vertrauen muss,
eine wichtige Rolle. Er darf die Angst des Reiters nicht ignorieren. „Ich
richte mit meinen Schülern ein ‘Vertrauenskonto’ ein:
Gute Erfahrungen werden auf der Haben-Seite, schlechte auf der Soll-Seite
gebucht. Ist das Konto im Plus hebe ich das Unterrichts-Level ein wenig
an. Zusammen mit den Schülern lege ich zusätzlich eine Gefühls-Skala
von null bis fünf fest. Bei null würde ein Schüler zum
Beispiel heulen und absteigen, bei fünf los galoppieren. Anhand der
Skala können mir die Schüler so ihr Angst-Level mitteilen. Alle
Erfahrungen, die unter drei auf der Skala fallen – die auch nur
äußerst selten vorkommen sollten – werden auf der Soll-Seite
gebucht. Durch diese Vorgehensweise richten die Reiter ihre Aufmerksamkeit
nicht nur auf das Pferd, sondern auf sich selbst“, erläutert
Susan Harris das Lehr-System. Durch folgende Säulen, auf denen Swifts
Lehre basiert, und deren Übungen können Sie Ängste ab-
und Vertrauen aufbauen:
1.
Atmen, bis in die Fußspitzen
Ein stetiger, tiefer Atmen beruhigt – Reiter und Tier. Pferde sind
sensibel und merken sofort, wenn der Reiter vor Angst die Luft anhält.
Um richtig Atmen zu lernen, muss man jedoch vorerst die physikalischen
Abläufe, die dabei entstehen, verstehen. Neben dem Wissen, dass das
Zwerchfell durch einen großen Muskel nach unten gezogen wird und
so wie ein Blasebalg Luft in die Lungen pumpt, vermittelt Swift Bilder,
die nervöse Reiter zur Ruhe kommen lassen. Übung 1: Atmen sie
tief ein, bis in ihren Bauch. Was sie spüren ist nicht die Luft,
die in ihren Körper dringt, sondern der große Muskel an der
inneren Seite der Wirbelsäule, der das Zwerchfell bewegt. Durch gezieltes
Einatmen können Sie einzelne Muskelpartien wahrnehmen und entspannen.
Übung 2: Reiten Sie Schritt und stellen Sie sich vor, sie sind durchsichtig
wie eine Plastikpuppe. Die ganze Luft um Sie herum ist blau. Atmen sie
tief ein. Füllen Sie Sitzknochen, Becken, Wirbelsäule, Fußspitzen,
Schultern und Kopfpartien mit dem farbigen Sauerstoff, werden Sie sich
ihres Körpers bewusst. Haben Sie ein triebiges Pferd, können
Sie einige Sektblasen mit hinein mixen. Übung 3: Halten Sie aus Unsicherheit
die Luft an, dann zählen Sie laut den Takt des Pferdes mit oder summen
sie ihn. Dadurch wird ihre Atmung gleichmäßig und das Pferd
ruhiger. Springreiter sollten während des Sprungs ausatmen.
2.
Stirnruntzeln verboten
Blicke können starr auf ein Objekt gerichtet oder umfassend und weich
sein. Viele Menschen reiten mit zusammengekniffenen Augen, gerunzelter
Stirn und tief heruntergezogenen Augenbrauen, was zu Verspannungen im
ganzen Körper führt. Durch die Veränderung ihres Blicks,
beeinflussen Sie ihre ganze Körperhaltung und die Kommunikation mit
ihrem Pferd. Übung 1: Halten Sie ihr Pferd an, sitzen Sie still und
schauen Sie einen Gegenstand genau an. Konzentrieren Sie sich auf dessen
Konturen, Form, Umfang und Farbe. Das ist, was ich unter harten, starren
Augen verstehe. 2. Übung: Entspannen Sie jetzt die Augen und lassen
sie das Objekt im Mittelpunkt ihres Blickes. Sehen Sie es an und beziehen
sie nun alle peripheren Wahrnehmungen in ihren Blickfang mit ein. Die
unter, über und neben Ihnen. Ihr Körperausdruck wird sich dadurch
positiv verändern. Starrt man auf die Pferdeohren ist der Blick hart.
Schaut man aber weit über die Ohren des Tieres hinweg ist er weich
und ermöglicht dem Reiter die Bewegungen des Pferderückens leichter
zu spüren.
3.
Unterm Bauchnabel liegt die Mitte
Viele Menschen sind kopf- oder vorderlastig, atmen meist flach in die
Brust und verlagern ihren Schwerpunkt so in den Brustkorb. Je höher
der Schwerpunkt liegt, um so unsicherer fühlt sich ein Mensch auf
dem Pferderücken. Reiter befinden sich dann häufig hinter ihrem
Balancepunkt und kommen dadurch hinter die Bewegung des Pferdes. Würden
sie ihre Mitte richtig platzieren, könnten sie im Gleichgewicht sitzen
und mit der Bewegung des Pferdes mitgehen. Übung 1: Zeigen Sie mit
Ihrem Finger an eine Stelle zwischen Bauchnabel und Schambein. Auf dieser
Höhe an der vorderen Seite Ihrer Wirbelsäule liegt ihr Zentrum
der Balance. Übung 2: Stellen Sie sich vor, es liegen Gewichte in
ihrer Körpermitte. Sie ist die schwerste Stelle in ihrem Körper,
die Sie sicher im Sattel hält. Nichts kann sie von dort vertreiben.
Atmen Sie in Ihre Körpermitte hinein und machen Sie sich immer wieder
ihres Schwerpunktes bewusst.
4.
Balance durch Bauklötze
Der menschliche Körper wird in fünf Bausteine unterteilt: Kopf,
Schulter, Rumpf, Hüfte/Becken und Beine. Um einen geraden und effektiven
Sitz zu erhalten, müssen diese Bausteine richtig aufeinander gestapelt
werden. Falsch ausbalanciert werden sie instabil und fallen in sich zusammen.
Dies hängt aber auch von der Steigbügellänge und Sattelform
ab. Beim Springen oder Jagdgalopp-Reiten müssen jeweils nur zwei
Bausteine aufeinander liegen.
In den nächsten Teilen, der Reiter Revue Angst-Serie, stellen Ihnen
Atemtherapeut Adalbert Halt, Sozialpädagogin und Buchautorin Gine
Willrich, Susanne von Dietze, Autorin des Buches „Balance in der
Bewegung“, Pferdetrainer Peter Pfister, Michael Baxter der Rehaklinik
Revito in Warendorf und Jochen Schumacher, Leiter des FS-Zentrum Reken,
praktische Tipps zur Angstbewältigung vor.
Rika Schneider
Buchtipp
Ihr Basisbuch „Reiten aus der Körpermitte“ wurde über
50.000 mal in Deutschland verkauft und ist noch immer in den Verkaufsregalen
zu finden. Ihr zweiter Band, ein in sich abgeschlossenes Praxisbuch, erscheint
Ende Oktober und beschreibt wie Reiter durch die richtige Wahrnehmung
und durch praktische Übungen Perfektion im Sattel erlangen.
Müller Rüschlikon-Verlag, Sally Swift, „Reiten aus der
Körpermitte“ Band 1 (ISBN: 3-275-00956-7, € 30,00) und
Band 2 (ISBN: 3-275-01406-4, € 34,90)
(erschienen
in der Reiter Revue)
Text & Foto: Schneider
I Horses
In Media
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Vertrauen muss langsam wachsen
Funktion
des Gehirns:
Nimmt der Mensch eine Gefahr wahr, so geht diese Information direkt
zum Furchtzentrum (Amygdala), das dann die typischen Angstreaktionen
wie Herzrasen, feuchte Hände oder Zittern auslöst. Erst
nach dieser Reaktion schaltet sich das Bewusstsein ein. Die Informationen
werden im Thalamus sortiert und dann an die zuständigen Hirnareale
weiter geleitet. Die Entscheidung, ob die Situation nun gefährlich
oder ungefährlich ist, trifft dann die Großhirnrinde.
Ob die Angstreaktion abklingen oder aufrechterhalten werden soll
am Ende der Frontlappen, bevor der Hippocampus das Gesamtereignis
speichert. |
Wie
macht sich Angst bemerkbar?
Körperlichen Symptomen, die immer mit der Angst einher gehen
sind Schwindel, Schweißausbrüchen, Verkrampfungen, Zittern,
Herzrasen, Denk- und Wahrnehmungsstörungen, Übelkeit,
Durchfall oder Atemnot. Der Angstgrad bestimmt die Intensität
der Symptome. |
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Was
für Ängste gibt es?
• Panikattacken: Sie entstehen ohne äußeren Anlaß
• Generalisierte Angstzuständen: Ohne Behandlung halten
sie oft jahrelang an
• Phobien: Sie werden durch ungefährliche Auslöser
hervorgerufen
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