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Rauschend
steigt der ungebändigte, weiße Fluss den Orlow Trabern bis
unter den Bauch. Das kraftvolle Stampfen ihrer Hufe auf dem felsigen
Flussbett unterbricht das gleichmäßige Rollen des Flusses.
Ruhig schreiten die vierzehn Pferde über die Tennis- bis Medizinball
großen Steine hinweg, als hätten sie Tatzen statt Hufe. „Nicht
auf die Strömung gucken“, erinnert der schwedische Guide
Rikard Öhman, „es kann einem davon so schwindelig werden,
dass man das Gleichgewicht verliert und vom Sattel in den Fluss gleitet“.
Hier ist Fokus angesagt. Und zwar nicht nach unten auf den Pferdehals,
sondern auf die andere Flussseite. Das weiße Naß steigt
und Katrin Vogt schafft es gerade noch rechtzeitig, ihre Beine auf den
Sattel zu bringen.
Kaum hievt sich ihr Rappe vom Fluss auf die meterhohe Böschung
spitz er auch schon erwartungsvoll die Ohren. Er peilt den steilen,
fast senkrechten Anstieg an. Eine Hand in die Mähne nahe bei den
Pferdeohren, Hintern aus dem Sattel — mit enormer Kraft klettert
der 14-Jährige unter der Deutschen wie eine Bergziege den steinigen
Hang hinauf. „Der Reiter muss sein Pferd unterstützen, sich
in den Sattel stellen, die Mähne packen und ihn vorwärts reiten“,
beschreibt Horsemanship-Coach Leslie Desmond, langjährige Schülerin
von Altmeister Bill Dorrance, die Hilfen. „Schaut man nach unten
oder hält man die Zügel zu kurz kann das Pferd ins Straucheln
geraten und stolpern, was in solch einem Gelände fatal sein kann“,
fügt die Pferdekennerin hinzu, die über das ganze Jahr verteilt
Ritte mit Rikard anbietet. „Hier lernt man, angstfrei alle Hürden
zu meistern“, erläutert Heather aus Conneticut. „Denn
Flüsse, steile, felsige oder rutschige An- und Abstiege stehen
bei diesen Ritten an der Tagesordnung. „So ist Mutter Natur hier
nun mal gewachsen“, führt die Amerikanerin fort, die an den
ersten zwei Tagen mehr Angst als Vaterlandliebe zeigte.
Alleingang
statt Entengang
Für wen Wanderreiten bedeutet gelangweilt in einer Reihe hintereinander
her zu dackeln, wird bei Rikard eines Besseren belehrt: Während
der urtümliche Guide voran reitet sucht sich Birgit Reber ihren
eigenen Weg. Am Stein links, dahinter über den morschen, mit Moos
bedeckten Baumstamm, dann wieder nach rechts Richtung Heather und ihren
Schimmel, zwischen Tanne und Birke hindurch. „Lässt man sein
Pferd immer nur hinterher schlurfen, ist es weniger konzentriert, neigt
schneller zum Stolpern. Reite ich aber alleine und trotzdem in der Gruppe
meinen Weg, ist das Pferd leichter zu kontrollieren und hört besser
auf meine Hilfen“, stellt die Kölnerin fest. Ein Alleingang
mit Sichtkontakt zu den anderen ist sogar erwünscht. „Je
mehr ein Gast alleine reitet, mal zehn Meter Weg von der Gruppe galoppiert
und zurück, je größer wird das Lächeln auf meinem
Gesicht“, erzählt Rikard, der diese Wälder schon seit
17 Jahren per Pferd durchstreift. „Die Reiter sollen lernen, Verantwortung
für sich und ihr Pferd zu übernehmen, selbst zu entscheiden,
welchen Weg sie einschlagen. Nur so ist ein sicherer und spaßiger
Ritt in der Gruppe möglich. Lasse ich alle nur hintereinander her
latschen, überlassen die Reiter dem Pferd die ganze Verantwortung
und sind dann in schwierigen Situationen nicht mehr Herr der Lage. Abgesehen
davon, dass es keine Herausforderung und keine Freude für den Einzelnen
ist“. Auch für die zwei Italiener Riccardo und Alessandra
ist dies eines der erfreulichsten Punkte: „Es wird nie langweilig
und man baut eine richtige Beziehung zu dem Tier auf. Jeden Moment achtet
man darauf was man tut – so wie bei einem eigenen Pferd. Leihpferdecharakter
hat das ganze hier ganz sicher nicht“.
Vollgas
mit Kontrolle
Dass eine Pferdestärke so anziehen kann hätte Heather nicht
gedacht, die bei dem Gefühl der Powermaschine unter ihrem Sattel
fast blass wird. Im Galopp zu dritt nebeneinander, die Aufgabe lautet
„Einflechten“: Im gezügelt Galopp zu dritt nebeneinander
beginnt’s. Dann gibt der äußere Reiter Gas, setzt sich
vor den mittleren, der langsam in die äußere Position wechselt.
Der Vordermann verlangsamt sein Pferd und setzt sich in die nun freie
Lücke. Einige Galoppsprünge im gleichen Tempo nebeneinander
und der nächste Außen positionierte Reiter beschleunigt sein
Pferd, setzt es vor den mittleren, der dann wiederum zur Seite rückt,
um den Vordermann rein zu lassen. Und so weiter.
Was sich leicht anhört ist trotz des breiten, lang gezogenen Sandweges,
der eher an Frankreich als an Nordschweden erinnert, gar nicht so einfach.
„Bei dieser Übung lernen die Reiter, ihr Pferd innerhalb
des Galopps zu beschleunigen oder zu verlangsamen und es in den unterschiedlichsten
Positionen in der Gruppe zu kontrollieren“, erläutert Rikard
diese Aufgabe, die ihm zeigt wie stark oder schwach seine Gruppe ist.
Die Übungen, die er in den ohnehin schon spektakulären Ritt
mit einbaut, stärken das Team und geben Sicherheit. „Durch
das Arbeiten an der Kontrolle innerhalb der Gruppe können wir zwischendurch
lange Galoppstrecken nutzen, um Kilometer zurückzulegen. Eines
meiner schönsten Erlebnisse war ein Galopp, der so lange anhielt,
dass ich mich mit meinen Nachbarn im Sattel unterhalten konnte. Aber
auch beschleunigen, um weiter vorne zu reiten war kein Problem mehr.
Auch das Wettrennen zu zweit, in dem wir unsere Pferde richtig anfeuern
durften war für mich ganz neu“, fasst Heather Ihre Odysee
vom ängstlichen Reiterlein zum forschen Jockey zusammen.
Fokus,
Fokus, Fokus
Führer Rikard, der ab einer Gruppe von fünf Reitern einen
zusätzlichen Co-Guide mitnimmt, schickt seinen braunen Wallach
im Galopp voran. Gerade bleibt er im Sattel sitzen, harmonisch lenkt
er sein Pferd durch den Wald. Ein bis vier Meter trennen die Bäume
nur, meist Tannen, denen erst in den Baumkronen Äste wachsen. Also
ein Wald voller Stämme, dessen Boden bedeckt ist mit Geäst,
Moos und einzelnen Felsen der unterschiedlichsten Größen.
Birgit ist nun an der Reihe, Ihren Wallach von der Gruppe weg zu Rikard
zu steuern, der in etwa 200 Metern Entfernung wartet. Im Galopp und
alleine. „Schaut man in den Wald sieht man ihn oft vor lauter
Bäumen nicht. Doch nimmt man den Ratschlag der Horsemen an und
fokussiert nur auf die Zwischenräume zwischen den Bäumen und
nicht auf die Bäume, erkennt man tatsächlich Wege, die man
reiten kann“, erkennt Reber das Geheimnis. In ruhigem Galopp folgt
der Wallach ihren Richtungsanweisungen, trotz des Dranges zur Herde
zurückzukehren. Eine Sekunde zögert die Reiterin welchen Weg
Sie einschlagen soll und schon ist es passiert: Rechts, links, rechts,
links – das Pferd weiß nicht wohin. Reber zieht die Notbremse,
pariert in den Stand durch. „Sobald man zögert zerfällt
alles. Dies ist hier echt Lebenserfahrung, denn nur mit Fokus, innerer
Überzeugung und Selbstsicherheit kommt man hier weiter“,
erzählt die Rheinländerin begeistert.
Leslie Desmond, die seit zwei Jahren Ritte zusammen mit Rikard in Schweden
anbietet, genießt diese ursprüngliche Form des Reitens: „Viele
Reiter wissen gar nicht mehr was es bedeutet, ein Pferd im schnellen
Galopp über Stock und Stein zu reiten, es in schwierigen Situationen
zu fördern oder sich ihm ganz anzuvertrauen. Das alleinige Reiten
in umzäunter Umgebung mit Pferden, die die Zunge übers Gebiss
legen, Scheuen, mit den Zähnen knirschen, Giften, Koppen, Weben
oder sich nicht einfangen lassen wird oft durch zu wenig natürlichen
Umgang und mangelnder natürlicher Haltung hervorgerufen“,
erläutert die Pferdekennerin, die dies in ihren Kursen in Australien,
Schweden, England oder Deutschland erkennt. „An den Pferden wird
herumgezerrt und gezogen, sie werden gebremst, in ihren natürlichen
Bewegungsabläufen gestört und ihrer natürlichen Bedürfnisse
beraubt. Viele sind abgestumpft. Ich stoppe mein Pferd nicht nur mit
den Zügeln, sondern mit meinen ganzen Körper“, erläutert
Desmond. „Und das können Reiter hier lernen“.
Für die Englischreiterin Heather ist das Loslassen beider Zügel
besonders schwer. „Vertrau deinem Pferd“, rät Rikard,
„denn wenn du bergab über Steine reitest und dich an den
Zügeln festhalten musst, kannst Du dein Pferd zum Stürzen
bringen. Lass los!“. „Im Schritt klappt das sehr gut, da
ich nun weiß, dass mein Pferd nicht einfach unter mir wegläuft,
im Galopp fällt mir das Loslassen der Zügel allerdings noch
schwer“, gibt die 36-Jährige zu.
Heiße
Kisten, zuverlässige Partner
Die Ohren gespitzt, wiehernd und etwas rastlos lauschen die 14 Pferde,
meist Orlow Traber, dem Treiben im Camp der Zweibeiner. 45 Kilometer
legten sie am Vortag zurück, das Terrain umfasste tiefe, sumpfige
Böden, Felsen, Berge und Flüsse. Kein Zeichen von Erschöpfung.
„Seht Ihr?“, fragt der schwedische Führer in die Runde,
„die Jungs sind bereit zu Gehen“. Das großzügig
eingezäunte Paddock mitten im Wald am Rande eines Sees bietet den
Pferden genug Platz, sich vor der Arbeit zu drücken. Sie könnten
den Zweibeinern den Rücken kehren, wie es so manch wenig bewegte
Pferde in Reitställen tun, fressen oder schlafen. Doch Rikards
Pferde, die hart arbeiten, suchen die Nähe der Zweibeiner. Die
ganze Nacht schlafen Sie am Zaun direkt neben dem Camp, stupsen morgens
willig die Nase ins Halfter. „Mit was für einem Willen und
einer Freude diese Tiere hier Vorangehen und Mitmachen ist enorm“,
beschreibt Allessandra die Pferde. Doch die trittsicheren und zuverlässigen
Reittiere werden nicht so geliefert, sondern sorgfältig von Rikard
und seinen Guides ausgebildet. „Kaufe ich ein neues Pferd, läuft
dieses erst mal als Handpferd mit, um sich an das Terrain zu gewöhnen.
Ohne Reiter lernt es, sich in dieser Landschaft richtig auszubalancieren
und sicher in allen Gangarten auf unseren Böden zu werden. Fast
alle meine Pferde laufen barfuss, einige haben vorne Eisen. Pferde,
die zu beginn fühlig auf den Sohlen sind, legen dies aber nach
einigen Monaten ab. Erst nach rund zwei Jahren dürfen Gäste
auf Ihnen reiten. Bis dahin werden die Pferde unter mir, meinen Guides
oder Leslie Desmond im Gelände geschult. Denn auch mit einem Einsteiger,
der mal zuviel oder zu wenig Hilfen gibt, müssen meine Pferde zurechtkommen.
Trotz aller Natürlichkeit: Im Basiscamp zwischen den tagelangen
Ritten grast die Herde auf den Weiden, wird regelmäßig entwurmt
und mit Mineralstoffen versorgt. „Nur Pferde die körperlich
fit sind, können solche Ritte langfristig durchhalten“, bestätigt
der Schwede.
Natur
pur
Tipis, Elchfleisch und waldige Moosflächen als Klo - Unruhe kommt
auf, die Pferde werden schneller, trotz neun Stunden unterm Sattel.
Ein Zeichen dafür, dass das Camp näher rückt. Hinten
zwischen den Bäumen kann man es erkennen: Zwei Tipis wie zu Zeiten
der Indianer, ein mit Holz und Litze abgestecktes Paddock, eine Feuerstelle.
Doch nicht für alle heißt es absitzen, denn acht Leute sind
nötig, um mit ihren Pferden die Heuballen zu holen, die ein Guide
mit dem Jeep an den Nahe gelegenen Schotterweg gefahren hat. Bepackt
mit einem großen Ballen auf dem Sattelhorn, der wackelt wie ein
unförmiges Riesenbaby, reiten die Gäste zurück zum Camp.
Die frische Luft, die durch den Wald fegt tut gut, sorgt dafür,
dass sich die Mücken verziehen. Während die einen Proviant
für die Pferde holen, versuchen Co-Guide Martin und Italiener Riccardo
Holzstämme fürs Feuer zu organisieren: Und zwar vom Pferderücken
aus. Dies ist was für Geübte, da das Umgehen mit dem Rope
besonderes Können voraussetzt. „So muss es damals gewesen
sein“; denkt Birgit Reber nach. „Komisch nur, dass sich
die Frauen automatisch ohne Absprache ums Essen kümmern und die
Männer ums Feuer machen und Holz holen“, stellt die Kölnerin
entsetzt fest, so dass sie zur Säge greift und den Männern
zur Hand geht.
Kein Computer, Fernseher, Handy oder Strom und trotzdem sind alle mehr
als zufrieden. „Der Spaß an den grundlegendsten, natürlichsten
Aufgaben, das Zusammenschweißen eines Teams durch aufregende Erlebnisse,
das „Zusammen funktionieren“, die guten Gespräche am
Lagerfeuer und die Ruhe der Wildnis - hier kann man wirklich mal abschalten“,
freut sich Heather, die Software-Entwicklerin, die sonst mehr als zehn
Stunden am Tag vor dem Computer sitzt. „Ich wusste nicht, dass
Cowboys so gut kochen können“, stellt Reber fest. Gemüsepfannen,
Elch- und Rentierfleisch, Obst und Süßes zum knabbern. „Mit
so einer guten Versorgung lässt es sich doppelt so gut schlafen
auf den Rentierfellen im Schlafsack, die wie im Film rund um das Lagerfeuer
im Tipi herum liegen. Abschalten, genießen, körperlich und
mental gefördert sein und 24 Stunden Frischluft schnuppern –
ein Paradies für Pferde- und Naturnarren.
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Foto & Text: Rika Schneider




Ritte
mit Rikard Öhman
Preise: richten sich nach der Länger der Ritte.
Fünf Tage etwa 900 Euro inkl. Essen. Flug muss elber gebucht
werden.
Anreise: Flug von/bis Lulea über Stockholm
Ritte: Drei- bis fünf Tagesritte, Unterkunft
in Tipis oder Hütten. Einsteiger und erfahrene Reiter willkommen.
Ritte mit Rikard Öhman sind ganzjährig, auch individuell
buchbar. Sommer und Wintertouren.
Pferde: Gut ausgebildete, trittsichere und lauffreudige
Orlow Traber und schwedische Warmnblüter; Reiten in Westernausrüstung.
Infos: Udda Äventyr, Rikard Öhman Tel.
+46-929-51170 oder Per-Gunnar Lindberg (engl.), www.uddaaventyr.com
(schwd.) |
Leslie
Desmond in Deutschland 2006
Good Horsemanship für Jedermann: Ob Western, Dressur, Springen
oder Wanderreiten – die Amerikanerin Leslie Desmond, die
seit über 20 Jahren Kurse in Amerika, Australien und Europa
abhält, lehrt den natürlichen Umgang mit Pferden am
Boden und unterm Sattel. Zusammen mit Altmeister Bill Dorrance
schrieb die 50-Jährige das Praxis bezogene Buch „True
Horsemanship through Feel“, das die fundamentalen Schritte
artgerechter Pferdeausbildung wiedergibt. Desmond, die Reiter
durch Denkanstöße, Übungen und die richtige Portion
Gefühl zum besseren Sitz und zur feinfühligeren Hilfengebung
bringt wird im Januar und im April 2006 wieder in Deutschland
sein.
Genauere
Infos HIER! |





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